117 : Zwei Seiten einer Medaille

Klappentext

Klappentext

Friedenserziehung muss sich konkret mit ihren Rahmenbedingungen beschäftigen - so auch mit den Zusammenhängen von Sozialabbau und Aufrüstung. Dieses schulheft soll helfen Einsichten zu gewinnen, wie kapitalistische Eliten den Staat in die Pflicht nehmen und wie zugunsten strukturell-militärischer Gewalt Sozialstaat und Demokratie auf der Strecke bleiben.

Inhalt

Inhalt

Christoph Butterwegge
Die neoliberale Sozialstaatskritik als Bedingung und Begleiterscheinung einer aggressiveren Sicherheitspolitik

Horst Bethge
Bis an die Zähne bewaffnet, aber kein Geld für Zahnersatz

Marcel Fink, Petra Wetzel
Arbeitslosigkeit und Armutsgefährdung bei Jugendlichen

Ernst Berger
Psychosoziale Belastungen für Kinder und Jugendliche - Konsequenzen neoliberaler Politik

Ernst Woit
Die Menschenrechte. Völkerrechtliche Normen und Realität

Gerald Oberansmayr
"Supermacht Europa"
Mit der EU-Verfassung auf dem Weg in die Vergangenheit

Eckpunkte der EU-Verfassung
Ein kommentierter Überblick

Boris Lechthaler
Österreichische Friedensrepublik statt EU-Militärprovinz
Eine Stellungnahme der Werkstatt für Frieden & Solidarität

Manfred Sauer
Das Erbe aus Krieg und Rüstung
Beispiele unverminderter Gefahren für Frieden und Entwicklung

Mathilde Halla
Die Atomfrage, eine Frage des Überlebens der Menschheit

Nadine Bilke
Medien zwischen Krieg und Frieden
Ein Workshop für den Unterricht

Rezensionen

Die Waffen nieder!
Österreichische Stimmen für den Frieden
Eine Multi-Media-Schau des Österreichischen Friedensrates

Christoph Butterwegge, Michael Klundt, Matthias Zeng
Kinderarmut in Ost- und Westdeutschland

Thomas Roithner
Schurkenstaat und Staatsterrorismus

Österreichisches Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung (Hrsg.)
Die Wiedergeburt Europas

Winfried Wolf
Sturzflug in die Krise

Hannes Hofbauer
Osterweiterung

Gerald Oberansmayr
Auf dem Weg zur Supermacht

Werkstatt für Frieden & Solidarität (Hrsg.)
EU-Verfassung - Europa der Konzerne und Generäle

Rudi Weißenbacher
Jugoslawien. Politische Ökonomie einer Desintegration

Vorwort

Vorwort

Liebe Leserinnen und Leser!

Die letzte Nummer der schulhefte, die sich mit Friedenserziehung befasste, setzte diesen Begriff bereits in Klammer und wählte den zusätzlichen Titel: "Einsicht in die Verhältnisse - Klärung der Ziele" (101/2002). In dieser Nummer wollen wir wieder an diese Zielsetzung anknüpfen, in der Annahme bestärkt, dass sich Lehrende und Lernende gegen die herrschenden Verhältnisse, gegen die Forderungen der Wirtschaftsmächtigen und ihre Handlanger in der Politik wehren müssten. Oder sollen Menschen in lebenslangen Lernprozessen wirklich akzeptieren, dass sie zu teuer, ihre Arbeit, ihre Gesundheit, ihr Alter unbezahlbar seien und dass das alles militärisch vorwärtsverteidigt werden müsse?

Vieles von dem, was 2001 aktuell war, ist es noch heute, neue Schwerpunkte ergeben sich aus der rasanten Beschleunigung von Militarismus und neoliberalem Sozial- und Bildungsabbau. Im Jahr 2004 haben die schulhefte bereits Vorarbeit zu unserem Thema geleistet. "Wa(h)re Bildung - Zurichtung für den Profit" (113/2004) erarbeitet Historisches und Analysen gegenwärtiger Tendenzen, wie aus einem veralteten, konservativen Schulsystem nach kurzem, unzulänglichem Reform- Zwischenspiel eine neoliberale Spar- und Demontagevariante entsteht. "Migration, Rassismus, Zweisprachigkeit - Integration" (114/2004) befasst sich
mit Analysen über die Verfügbarkeit der Menschen auf Arbeitsmärkten, mit einem Rassismus, der strukturell bedingt ist und den man konkret in den Strukturen aufdecken und bekämpfen muss.

Das schulheft mit dem Titel "Hört uns zu! Roma und Sinti und ..." (115/2004) zeigt an der Geschichte und Situation der Roma und Sinti, dass Armut und Ausgrenzung
von Menschen von den jeweils Mächtigen organisiert werden und dass Diskriminierung und Vorurteile das ideologische Instrumentarium bilden. Menschenrechts- und Minderheitenschutzdeklarationen (z.B. der EU) sind zahnlos, wenn gleichzeitig die wirtschaftliche Entwicklung die Armen zahlreicher und noch ärmer macht.

Die Nummer 116/2004 "Pädagogisierung: Die Kunst, Menschen mittels Lernen immer dümmer zu machen!" stellt sich die Aufgabe, der sich viele im Lehrberuf, aber nicht nur dort, entziehen, nämlich das Pädagogische und seine Grenzen zu beleuchten. Pädagogisiert wird überall dort, wo man mit pädagogischen Forderungen und Maßnahmen wirtschaftspolitische, gesellschaftliche Zusammenhänge vertuschen möchte oder nicht erkennt. Und das betrifft vieles, besonders wenn es um den lieben Frieden geht.

Es ist nur konsequent, dass sich an die "Pädagogisierungsdebatte" mit dieser Nummer eine Debatte um die "Friedenserziehung" anschließt. Selbstverständlich soll damit die Beschäftigung mit und die Anwendung von fortschrittlichen pädagogischen Konzepten und Methoden nicht madig gemacht werden, es sei denn, sie orientieren sich allzu sehr an dem Motto "Wie lerne ich mich anzupassen ohne Unlustgefühle, wie lerne ich zu herrschen ohne Gewissensbisse?" Eine "Kultur des Friedens" muss erstritten werden. Es spricht nichts dagegen, dass die Friedensbewegung (Friedenserziehung) auch moderne Managementkonzepte auf innovative Gestaltungsmöglichkeiten abklopft, wenn sie mit Antimilitarismus, Aufklärung, emanzipatorischen gesellschaftlichen Zielen, mit sozialer Grundorientierung zusammenpassen. Eine starke Anpassung aber an EU-Bedürfnisse, sogar an UNESCO-Konzepte, stellt einen expertokratischen Ansatz in der Bewegung der FriedenspädagogInnen dar, ersetzt aber nicht den Druck von unten, die widerständische Kraft.

Institutionalisierte Friedenserziehung hat zur Folge, dass ein "Curriculum" festgeschrieben wird, das den jeweils politischen Machtinteressen entspricht. Friedenserziehung, Friedensbewegung als starke politische Kraft lebt gerade von der kritischen Distanz zur etablierten Politik und ihren Institutionen. Über Außenfinanzierung und Projektformat kann professionelle An- und Einpassung von Friedenserziehungsinitiativen an die Form und den Inhalt machtkonformer Organisationspolitik gefördert werden. Es ist zum Beispiel zu beobachten, dass (Diskussions-) Veranstaltungen zugunsten von "Vernetzungen" an
Attraktivität verloren haben. Es bleibt ein scheinbar grenzenloser Markt genehmer, von Widersprüchen unberührter, beliebiger Friedens-, Bildungswaren. Es liegt zum Beispiel auf der Hand, dass Mediation nur dort als Strategie der FriedenserzieherInnen genutzt werden kann, wo ein expliziter politischer Wille gegeben ist und für diese Zwecke spezifisch ausgebildetes Personal und zusätzliche Finanzmittel zur Verfügung gestellt werden. (Zur Zeit wird in Wien das Streetworkerprojekt gekürzt/gestrichen, bei steigender Jugendarbeitslosigkeit und steigendem Drogenkonsum.) Mediation kann nur funktionieren, wenn die Konzeption in eine schlüssige, wohlfahrtsstaatliche, demokratische, neutrale Gesamtstrategie eingebaut ist und nicht durch andere mächtige neoliberale Politik ausgehebelt wird. Genau das ist derzeit in den EU-Ländern der Fall. Privatisierung des öffentlichen Dienstes, Flexibilisierung und Deregulierung der Arbeitsverhältnisse, Bildungsabbau, Militarisierung

Damit wären wir, wie es in einem Editorial sein soll, beim Thema, bei der Entscheidung, keine Friedenserziehungsdebatte fortzuführen, sondern konkret auf gesellschafts- und wirtschaftspolitische Fragen einzugehen, die uns für die politische Bildung in allen Bildungsbereichen wichtig und aktuell erscheinen. Wissen Kolleginnen und Kollegen zum Beispiel über den EUVerfassungsvertrag Bescheid? Wie denn, wenn in den Medien kaum etwas durchdringt. Wer beschäftigt sich, um ein anderes Beispiel zu nennen, grundsätzlich mit den Daten zur sozialen Lage im Lande? In welchen Zusammenhängen stehen Sozialabbau, Bildungsmisere, Arbeitslosigkeit mit Aufrüstung und Krieg? Was bedeutet das neoliberale, militarisierte EU-Projekt für Österreich wirklich? Wer ist auf diese Fragen in den Schulen und anderswo vorbereitet und vermittelt nicht die gängigen ideologischen Erklärungsmuster? Es geht also vorrangig darum, dass Lehrende lernen ein Bewusstsein zu entwickeln, das die Realität analysieren und einschätzen kann, um im zweiten Schritt entsprechendes Wissen weiterzugeben. Dazu sollen die Beiträge dieser Nummer anregen.

Christoph Butterwegge erklärt in dem Artikel "Die neoliberale Sozialstaatskritik als Bedingung und Begleiterscheinung einer aggressiveren Sicherheitspolitik", warum
Aufrüstung und Sozialabbau bis hin zur Verarmung der sozial Schwachen zwei Seiten einer Medaille sind und mit welchen ideologischen Erklärungen wir darüber getäuscht werden sollen. Er bietet auch Überlegungen zur Entwicklung von Alternativen an. Horst Bethge beweist unter dem Titel "Bis an die Zähne bewaffnet, aber kein Geld für Zahnersatz"den Zusammenhang hoher Rüstungsausgaben mit Sozial-, Bildungs- und Demokratieabbau sehr anschaulich. Er schöpft die konkreten Erfahrungen aus Hamburg und aus seinem langen Engagement in Gewerkschaft und Friedensbewegung. Marcel Fink und Petra Wetzel untersuchen in ihrem Beitrag "Arbeitslosigkeit und Armutsgefährdung bei Jugendlichen" die Entwicklungen der sozialen Situation in Österreich speziell nach den Kriterien der Arbeitslosigkeit und Armutsgefährdung von Jugendlichen in Österreich und diagnostizieren national wie europaweit einen verstärkten Anstieg der Probleme. Ernst Berger präsentiert dazu eine Untersuchung über die "Psychosozialen Belastungen für Kinder und Jugendliche als Konsequenzen neoliberaler Politik". Ernst Woit untersucht die "Menschenrechte. Völkerrechtliche Normen und Realität". Er geht auf deren Geschichte, die heutigen Menschenrechtsstandards und die Verkehrung
von Menschenrechtsforderungen ein, wenn sie von Mächtigen als Kriegsgründe missbraucht werden. Er entlarvt auch die Scheinheiligkeit in Menschenrechtsfragen,
wenn es darum geht, die sozialen Rechte der Menschen zu missachten, um Kapitalinteressen durchzusetzen oder zu schonen.

Ein zentraler Themenblock der Nummer wird von Gerald Oberansmayr und Boris Lechthaler beigetragen, sie informieren eingehend und konkret über EU-Entwicklung
und EU-Verfassungsvertrag und die Folgen für Österreich. Mit ihrem Engagement in der Werkstatt für Frieden & Solidarität initiieren sie eine Aufklärungskampagne für
ein neutrales, soziales, demokratisches, friedenspolitisch orientiertes Österreich. Manfred Sauer führt uns "Das Erbe aus Krieg und Rüstung" vor Augen. Eine Bestands-
aufnahme der Bedrohung durch Rüstung und Aufrüstung und des Einsatzes für Abrüstung österreich- und weltweit. Mathilde Halla legt in ihrem Beitrag speziell den LehrerInnen "Die Atomfrage, eine Frage des Überlebens der Menschheit" nahe. Eine Verbindung von Theorie und Praxis, direkt umsetzbar im
Unterricht, schafft Nadine Bilke in ihrem Workshop für den Unterricht über die Rolle der "Medien zwischen Krieg und Frieden", mit dem Ziel, einen Friedensjournalismus zu entwickeln. Der Österreichische Friedensrat empfiehlt eine Multi-Media-Schau mit dem Titel "Österreichische Stimmen für den Frieden", eine Präsentation, die besonders anlässlich der Jubiläen "100 Jahre Friedensnobelpreis für Bertha von Suttner" und "50 Jahre österreichische Neutralität" auf die Friedenschancen 2005 orientieren soll.

Eine Reihe von Buchbesprechungen soll den LeserInnen die Möglichkeit, sich noch genauer mit den Themen zu beschäftigen, erleichtern.


Elke Renner, Grete Anzengruber

AutorInnen

AutorInnen

Redaktion

Elke Renner
Grete Anzengruber

AutorInnen

Ernst Berger, Univ. Prof., Neuropsychiatrische Abteilung für Kinder und Jugendliche, Neurologisches Zentrum Rosenhügel, Wien

Horst Bethge, Sprecherrat der AG Bildungspolitik beim PDS-Parteivorstand, PädagogInnen für den Frieden, Hamburg

Nadine Bilke, Diplomjournalistin, Mainz

Christoph Butterwegge, Univ. Prof., Leiter der Abteilung für Politikwissenschaft und Geschäftsführender Direktor des Seminars für Sozialwissenschaften an der Universität zu Köln

Marcel Fink, Univ.Ass., Institut für Staatswisenschaft und vergleichende Gesellschaftswissenschaft der Universität Wien

Ursula G. Gamauf, CO-Ordinator for EU and OSCE related Projects,ÖSFFK/ASPR Schlaining

Mathilde Halla, atomstopp international, Linz

Boris Lechthaler, Werkstatt für Frieden & Solidarität, Linz

Gerald Oberansmayr, Werkstatt für Frieden & Solidarität, Linz

Elke Renner, Obfrau der LehrerInnen für den Frieden, Wien

Günter Reder, Soziologe, Werkstatt für Frieden & Solidarität, Linz

Werner Ruf, Prof. em. für internationale und intergesellschaftliche Beziehungen und Außenpolitik, Universität Kassel

Manfred Sauer, Vorstandsmitglied der österreichischen MedizinerInnen gegen Gewalt und Atomgefahren OMEGA, Österr. Sektion der Internationalen Ärzte/Ärztinnen zur Verhütung des Atomkrieges IPPNW

Petra Wetzel, L&R Sozialforschung, Wien

Ernst Woit, Philosophiehistoriker und Friedensforscher, Dresden

 

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Studienverlag: Schulheft 117