119 : Religiöser Fundamentalismus

Klappentext

Klappentext

Lehrerinnen und Lehrer "müssen keine gläubigen Menschen sein, um mit religiösen Phänomenen differenziert umzugehen" (Susanne Heine). Die in diesem schulheft erarbeiteten Einsichten in Geschichte, Rechtslage und Machtverhältnisse sollen dazu beitragen, sich mit religiösem Fundamentalismus vorurteilsfrei auseinanderzusetzen.

Inhalt

Inhalt

Clemens Six
Religiöser Fundamentalismus - eine internationale Perspektive

Alfred Kirchmayr
Katholischer Fundamentalismus - sein Machtzentrum in Rom: Das "Opus Dei" und sein heiliger Gründer Josemaria Escrivá

Deen Larsen
Amerikanischer Fundamentalismus: Eine Einführung

Werner Ruf
Feindbild Islam

Raoul Kneucker
Die Geschichte vom "Kopftuch". Wie sie ein Jurist erzählt

Monika Höglinger
Verschleierter Widerstand

Susanne Heine
Islam in Österreich
Realität - Entwicklungen - Zukunftsperspektiven

Vorwort

Vorwort

Die Idee zu diesem schulheft entstand im Laufe einer kontrovers geführten Diskussion unter den HerausgeberInnen über das "Kopftuchverbot" in Frankreich.
Einig waren wir uns darüber, dass fundamentalistische Strömungen in der Öffentlichkeit nur allzu gern allein dem Islam zugeschrieben werden, obwohl sie
auch in anderen Religionen großen Einfluss auf Gesellschaft und Politik ausüben. Bewusst wurde uns bei dieser Diskussion aber der Mangel an Wissen und
Information über das komplexe Thema. Zu sehr verstellt eine massenmediale Welle aus Anmaßungen und Projektionen unsere Sicht, die wieder Vorurteile
und Wunschvorstellungen festigt.

Dieses schulheft will versuchen, diese Defizite etwas abzubauen. Bestärkt wurden wir in der thematischen Schwerpunktsetzung durch die Ringsvorlesung
an der Universität Wien im Wintersemester 2004 /05: "Religiöser Fundamentalismus. Vom Kolonialismus zur Globalisierung". Eingeschränkt wurden wir bei der Themen-
aufbereitung durch die notwendige Beschränkung auf den Umfang der Ausgabe. Zentrales Anliegen dieser Nummer ist die Klärung von Begriffen und der historischen
Dimension, das Aufzeigen der Ansprüche und Erscheinungsformen des religiösen Fundamentalismus und deren Auswirkungen auf die moderne globale Gesellschafts-
ordnung, denn - wie Clemens Six betont - "der inflationäre Gebrauch der Etikette‚ 'religiöser Fundamentalismus’ für nahezu alle weltweiten Bewegungen und
Organisationen, die aus scheinbar religiösen Motiven zur Durchsetzung ihrer gesellschaftspolitischen Ziele auch vor den extremsten Formen von Gewalt nicht
zurückschrecken, bringt eine inhaltliche Unschärfe mit sich, die den Unterschied zu bloßem Fanatismus oder dem rückwärtsgewandten Traditionalismus ewig Gestriger
zusehends verschwinden lässt."

In seinem Beitrag "Religiöser Fundamentalismus - eine internationale Perspektive" erörtert Clemens Six die Wesensmerkmale religiöser Fundamentalismen im 20. Jahrhundert auf dem Hintergrund ihrer politischen Aktualität, die Auseinandersetzung des Fundamentalismus mit der Moderne, mit der Umwelt und die Rolle des Individuums in Gemeinschaft und Gesellschaft. Der Autor setzt sich ausführlich mit der aktuellen und weltpolitisch sehr relevanten Frage des Verhältnisses von Fundamentalismus und Gewalt auseinander.

Dass es in der katholischen Kirche totalitäre Richtungen gibt, wird in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen oder zumeist verharmlost. Alfred Kirchmayr zeigt in seinem Beitrag "Katholischer Fundamentalismus - sein Machtzentrum in Rom: Das Opus Dei und sein heiliger Gründer Josemaria Escrivá" sehr deutlich die mächtige Position dieser Organisation innerhalb und außerhalb der Kirche und die Auswirkungen auf den Einzelnen und die Gesellschaft.

Der Einfluss fundamentalistischer Strömungen auf die politischen Entscheidungen ist in den USA seit Jahrzehnten bekannt, besonders offensichtlich wurde dies bei den letzten Präsidentschaftswahlen und in der jüngst wieder entfachten Diskussion, in der christliche Fundamentalisten den biblischen Schöpfungsglauben, getarnt als "intelligent design",  gegen die Evolutionstheorie in Stellung bringen. Dies wird nach einer aktuellen Meinungsumfrage von mehr als der Hälfte der AmerikanerInnen - und zwei Drittel der WählerInnen, die für George W. Bush gestimmt haben - geglaubt. (Die Zeit, Nr. 33, 1. August 2005) Unterstützt werden fundamentalistische Gegner der Evolutionslehre durch die kürzlich in der New York Times erschienene Stellungnahme des Wiener Kardinals Schönborn, auf die auch Alfred Kirchmayr in seinem Beitrag eingeht.

Deen Larsen erklärt in seinem Artikel "Amerikanischer Fundamentalismus: Eine Einführung" die Entstehung und Auswirkung fundamentalistischer Phänomene in den USA, beschreibt deren Merkmale - die auch für andere Religionen gelten -, zeigt die differenzierten Handlungsfelder und Lebensideale der Fundamentalisten auf und beschäftigt sich eingehend mit der politischen Macht der Massenprediger.

"Islam = Gewalt = Terror" - um diese nur allzu schnell, allzu häufig evozierten Assoziationen und Vor-Urteile zu korrigieren, haben wir dieser Thematik mehrere Beiträge gewidmet. "Die kulturologische und unhistorische Betrachtungsweise verstellt den Blick auf soziale, ökonomische und v. a. auch auf kulturelle Prozesse, die für den arabischen und den islamischen Raum kennzeichnend sind", meint Werner Ruf in seinem Beitrag "Feindbild Islam".
Er weist darauf hin, dass eine "rassistische Argumentation geradlinig zu der kulturologischen Weltsicht Huntingtons führt, der den nichtwestlichen Kulturen, v. a. aber dem Islam die Unfähigkeit zur Entwicklung individueller Freiheit, politischer Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit und der Menschenrechte zuschreibt." Aus diesem Grund geht der Autor sehr informativ auf die politischen Verhältnisse in der arabisch-islamischen Welt ein und zeigt "Die Sicht der Anderen: Von den Anfängen des politische Islam zum ‚internationalen Terrorismus’" auf.

Roul Kneucker geht in seiner "Geschichte vom ‚Kopftuch’. Wie sie ein Jurist erzählt" auf die "Zusammenhänge von Grundfreiheiten und sozialen, politischen Regulierungen" ein und erklärt, warum in Frankreich die Debatte um das Kopftuch heftiger als in anderen europäischen Ländern geführt wird. Über die Gesetzeslage, vor allem im Schul- und Bildungswesen informiert der zweite Teil des Beitrages sehr klar und deutlich. "Die Verwendung des Kopftuches an sich verwirklicht entweder die Religionsfreiheit oder das Recht auf Privatheit; sie ist daher nicht nur erlaubt, sondern verfassungsrechtlich geschützt ... eine Beschränkung wäre rechtswidrig."

Monika Höglinger hat eigene Forschungen unter muslimischen Frauen in Wien durchgeführt  mit der zentralen Fragestellung, was die Beweggründe der Frauen sind, Kopftuch zu tragen, bzw. wie sie ihr Leben damit gestalten und welche Probleme sie damit haben. Die Ergebnisse ihrer Untersuchung und die herangezogenen wissenschaftlichen Studien zeigen die Vielschichtigkeit und Komplexität des "Symbols Kopftuch"- im Widerspruch zur öffentlichen vereinfachten Wahrnehmung von Musliminnen. Zurecht fordert die Autorin am Ende ihrer Ausführungen: "Sowohl die politische, gesellschaftliche als auch die wissenschaftliche Diskussion sollte sich mit dieser Vielfalt auseinandersetzen und versuchen ‚hinter den Schleier zu blicken’".

Die Basis für den Beitrag von Susanne Heine "Islam in Österreich. Realität - Entwicklungen - Zukunftsperspektiven" bildet der interreligiöse Dialog mit dem Islam, dem die Verfasserin als christliche, evangelische Theologin seit etwa 20 Jahren, international und in Österreich, verpflichtet ist. Sie zeigt die Entwicklung der rechtlichen Situation der Muslime in Österreich von den Habsburgern bis zur Gegenwart auf. Stereotype Vorurteile gegenüber dem Islam spiegeln sich auch in den Schulbüchern verschiedener Unterrichtsfächer wider. Im Rahmen eines internationalen Forschungsprojekts hat die Verfasserin als Leiterin der Sektion Österreich eine Schulbuchanalyse durchgeführt, mit dem Ziel, die Schulbücher auf die sachgerechte Darstellung des Islams zu prüfen. Von den Ergebnissen berichtet die Autorin im zweiten Teil ihres Beitrags.

Zwei wichtige Überlegung seien an den - vorläufigen - Schluss gestellt: "In der Auseinandersetzung mit dem Fundamentalismus muss man darauf achten, dass er nicht dadurch siegt, dass man in der Konfrontation mit ihm nicht selbst fundamentalistisch agiert." (Martin Riesebrodt, Siegfried Haas (Hg.): Religiöser Fundamentalismus. Vom Kolonialismus zur Globalisierung. Studienverlag, Innsbruck, 2004, S. 31) So fordert Clemens Six in seinem Beitrag: "Eine politische Debatte, die über adäquate Maßnahmen gegen die Radikalisierung von Religion nachdenkt, muss diese Dynamik sowohl auf internationaler wie auch auf innenpolitischer Ebene lokalisieren und entsprechend reagieren. Jede Form der politischen Rhetorik aber, die die Denkkategorien des Fundamentalismus selber widerspiegelt, muss als Etappensieg der Krieger Gottes gewertet werden."

"Vorläufig" ist dieser Schluss deshalb, weil an die Thematik des religiösen Fundamentalismus ein schulheft anschließen müsste/wird, welches den autoritären/pseudodemokratischen Machtanspruch des Kapitalismus kritisiert, den ökonomischen Fundamentalismus aufzeigt, in einer Gesellschaft, in der Euro und Dollar verhindern, dass "der Groschen fällt".


AutorInnen

AutorInnen

Redaktion

Elke Renner
Grete Anzengruber

 

AutorInnen

Susanne Heine, Ordinaria für Praktische Theologie und Religionspsychologie an der Universität Wien. Internationaler Dialog mit dem Islam im Rahmen europäischer und außereuropäischer Plattformen

Monika Höglinger, Ethnologin, freie Wissenschaftlerin und Bildungsarbeit. Schwerpunkt: Migration, Religion und Identität, Frauen im Islam, feministische Anthropologie

Alfred Kirchmayr, freischaffender Theologe, Lektor für Psychologie im Fachschullehrgang Sozialarbeit St. Pölten, Psychoanalytiker, Wissenschaftspublizist und Schriftsteller, Wien

Roul Kneuker, Honorarprofessor Politikwissenschaft, Universität Innsbruck und Wien, Sektionschef i.R. (bmbwk, Wissenschaftliche Forschung und internationale Angelegenheiten)

Deen Larsen, Literatur- und Religionswissenschaftler, Baden bei Wien

Werner Ruf, Professor em. für internationale und intergesellschaftliche Beziehungen und Außenpolitik, Universität Kassel

Clemens Six, Lektor am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Universität Wien. Arbeitsbereiche und Publikationen: Religion und Politik , Kultur und Entwicklung

 

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Studienverlag: Schulheft 119