122 : Mit dem Strom - Gegen den Strom

Klappentext

Klappentext

Gender Mainstreaming in der Institution Schule hat eine neue Dynamik in die Geschlechterfrage sowohl auf organisatorischer als auch pädagogischer Ebene gebracht. Wieviel davon real spürbar ist, wieviel umgesetzt wurde und ob damit ein Beitrag zu mehr Geschlechterdemokratie geleistet werden kann, davon wird in diesem schulheft berichtet.

Inhalt

Inhalt

Birgit Sauer
Gender Mainstreaming in Österreich – eine feministisch-politikwissenschaftliche Einschätzung

Erich Lehner
Gender Mainstreaming aus kritischer Männersicht

Monika Blecher
Gender Mainstreaming in der Volksschule – zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Ingrid A. Schacherl
Gender Mainstreaming in der Weiterbildung – Ausgangspunkte für theoriegeleitete Reflexionen

Angelika Paseka, Erika Hasenhüttl
Gender Mainstreaming an den Akademien der Lehrer/innenbildung: ein Erfahrungsbericht

Heidi Schrodt
Feministisches Schulprogramm und Gender Mainstreaming

Schule macht Gender – Gendern macht Schule
mut!ige Genderaktivitäten an der HTBLA Imst/Tirol

Claudia Vogel-Gollhofer
Projektaußensicht

Claudia Heiß, Anton Lendl
Eine Innensicht

Gender Mainstreaming und Schulentwicklung:
Das Projekt „Gender Mainstreaming-Clusterschulen” an der Tourismusschule Wien 21

Marlies Ettl
Projektbeschreibung aus LehrerInnensicht

Viktoria Kriehebauer
Gender Mainstreaming – eine Form der Demokratisierung von Schule aus Sicht der Direktorin

Thomas Wulz
Retrospektive – eine SchülerInnensteuergruppe entsteht

Vorwort

Vorwort

Sechs Jahre Gender Mainstreaming in Österreich: Zeit, um Institutionen und Organisationen, die sich dieser politischen Strategie zur Erreichung von Geschlechterdemokratie verschrieben haben - so auch sämtliche Bildungseinrichtungen - genauer zu betrachten. Gender Mainstreaming in der Institution Schule hat eine neue Dynamik in die Geschlechterfrage sowohl auf organisatorischer als auch pädagogischer Ebene gebracht. Wie viel davon real spürbar ist, wie viel wirklich umgesetzt wurde bzw. ob damit ein Beitrag zu mehr Geschlechterdemokratie geleistet werden kann, davon wird in diesem Heft berichtet.

Schon unser Titel weist auf den Widerspruch hin, auf den wir immer wieder gestoßen sind: Mit dem Strom gegen den Strom schwimmen ?! Kann eine derartige politische Top-Down-Strategie überhaupt aufgehen? Steht das Instrument für mehr Chancengleichheit, ist es geeignet, Ungleichheiten zu beseitigen oder lenkt es den politischen Fokus nur weg von den Frauen bzw. der Frauenpolitik und hin zu einer stärkeren Berücksichtigung von Männerpolitik?

Alle Politikfelder, so auch die Bildungspolitik und die Pädagogik, waren und sind immer "Geschlechterpolitik", auch wenn dieses "doing gender" und die daraus resultierende Etablierung von geschlechtsspezifischen Strukturen und Institutionen in der Regel den AkteurInnen nicht bewusst ist. Die implizit leitenden und wirksamen Geschlechterbilder bewusst zu machen, kritisch zu reflektieren und zu evaluieren, sind erste Schritte in Gender Mainstreaming Prozessen. (Wie) schaffen es Gender Mainstreaming Vorhaben, das strategische Potential von "Gender" zu nützen, das in der Überwindung des Systems der Zwei-Geschlechtlichkeit, in Pluralisierung und Ergebnisoffenheit liegt, ohne erneut in bipolare Deutungsmuster zu verfallen und althergebrachte Weiblichkeits- und Männlichkeitsbilder zu resouveränisieren?

Für eine Analyse der ersten Jahre seit der Einführung von Gender Mainstreaming in Österreich darf nicht außer Acht gelassen werden, dass diese parallel zum rechtskonservativen Regie- rungswechsel stattfand und sie sich damit in einem neoliberalen Kontext bewegt. Birgit Sauer weist in ihrem Artikel auf das konservative Geschlechterregime Österreichs hin, das sich in der Steuer-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik widerspiegelt, von Gewerkschaften und Arbeitnehmerverbänden kaum thematisiert wird und seinen stärksten Ausdruck in der weiterhin größer werdenden Einkommensschere zwischen Frauen und Männern findet. Die Autorin fordert, Geschlechterverhältnisse als soziale Machtverhältnisse zu diskutieren, denn nur so könne Gender Mainstreaming zu einer geschlechtergerechten Strategie werden.

Die Wahrnehmung und Analyse der Mechanismen der Macht im Geschlechterverhältnis sind auch für Erich Lehner Basis für eine sinnvolle Gender Mainstreaming Diskussion. Er weist darauf hin, dass in der Schule auf struktureller Ebene und auf der Ebene der Interaktionen nach wie vor traditionelle Geschlechtermuster reproduziert werden und relativiert dadurch auch die momentan häufig aufgeworfene Frage, ob in der Schule nicht die Buben die eigentlichen Benachteiligten sind.

Basierend auf den Ergebnissen feministischer Schulforschungen wurden in den letzten Jahren zwar starke Impulse, Bestimmungen, Erlässe von oben gesetzt, doch spannend ist, ob und wie sie bis zu den LehrerInnen und SchülerInnen vorgedrungen sind. Einen interessanten Einblick in die Schulwelt - im Speziellen in die Volksschulwelt - gewährt uns Monika Blecher mit Ausschnitten und Ergebnissen ihrer Diplomarbeit, in welcher sie die Umsetzung des Unterrichtsprinzips "Erziehung zur Gleichstellung von Frauen und Männern" untersuchte.

Die mangelnde Umsetzung dieses Unterrichtsprinzips "Erziehung zur Gleichstellung von Frauen und Männern" war auch Anlass für ein Pilotprojekt "Gender Mainstreaming an den Akademien der LehrerInnenbildung". Angelika Paseka und Erika Hasenhüttl warten mit konkreten Ergebnissen auf, die sie durch die externe Evaluierung des Pilotprojekts gewonnen haben. Die Autorinnen arbeiten sehr genau heraus was passiert, wenn Gender Mainstreaming in bestehende Organisationen implementiert werden soll, was Gender Mainstreaming leisten könnte und warum die Strategie in vielen Bereichen nicht wirkt und/ oder nicht wirken kann.

Ingrid Schacherl fragt in ihrem Text nach dem Verhältnis von Gender Mainstreaming und Weiterbildung und kommt zu dem Befund, dass mehr Wissen und eine Sensibilisierung für Geschlechterfragen wichtige Voraussetzungen für den Umsetzungsprozess von Gender Mainstreaming sind.

Entsprechen die einstigen Anliegen und Forderungen von feministischen Pädagoginnen den Ideen von Gender Mainstreaming? Was ist aus der feministischen Koedukationskritik geworden? Wie gehen jene Schulen, die Mädchenförderung forciert haben, mit Gender Mainstreaming um? Was gewinnen Buben durch diesen neuen Zugang, ja können dadurch konservative patriarchale Muster aufgebrochen werden? Oder ist gerade die in Mode gekommene Bubenförderung wieder ein Ablenken von den realen Benachteiligungen der Mädchen und Frauen in Bildungs- und Arbeitswelt? Diese Fragen haben wir Heidi Schrodt vorgelegt, der Direktorin des Wiener Gymnasiums Rahlgasse, das seine Vorreiterrolle in Sachen Mädchenförderung durch die Entwicklung eines Gender und Diversity-Lehrganges eindrucksvoll belegt. Gleichzeitig bestätigte Schrodt mit ihrer sehr genauen und ehrlichen Rückschau unsere Vermutungen, dass der Schwerpunkt einer geschlechtergerechten Schule nur durch lange, intensive und immer wieder reflektierte Entwicklungsarbeit nachhaltig umgesetzt werden kann.

Einen schulischen Gender Mainstreaming Entwicklungs-Prozess über drei Semester beschreibt der Bericht der HTBLA Imst in Tirol: Dargelegt aus der Projektaußensicht von Claudia Vogel- Gollhofer und beschrieben aus der Innensicht der LehrerInnen Claudia Heiß und Anton Lendl. Deutlich wird darin, wie sehr eine Schule von professioneller externer Gender Mainstreaming Beratung profitieren kann - durch eine differenzierte Analyse der schulischen Geschlechterkulturen, durch eine Sensibilisierung des gesamten Lehrpersonals, durch das Finden der schulspezifischen Ansatzpunkte und das Erarbeiten von konkreten Maßnahmen.

Die Tourismusschule Wien 21 ist eine der fünf österreichischen "Gender Mainstreaming Clusterschulen", die vom bm:bwk initiiert und betreut wurden. In ihrem Bericht beschreiben die Lehrerin Marlies Ettl, die Direktorin Viktoria Kriehebauer und der Schüler Thomas Wulz den intensiven Prozess der letzten drei Jahre, der in der Wassermanngasse bereits auf der Grundlage von bewusster Mädchenförderung aufbauen konnte. Neben den inhaltlichen Schwerpunktsetzungen (u.a. Evaluierung und Feedback, Fremdsprachenlernen, Gastronomiepraxis) ist es vor allem die strukturelle Verankerung in LehrerInnen- und SchülerInnen- Steuergruppen, die diesen Gender Mainstreaming Prozess nachhaltig wirksam macht.

Die abschließenden Rezensionen von Angelika Paseka stellen zwei Publikationen vor, die - abgehoben vom Schulalltag - einerseits sehr praxisnah Begriffe und rechtliche Rahmen erklären, Anleitungen zur Umsetzung geben und daher für LehrerInnen auch als Hintergrundwissen für unterschiedliche Unterrichtsfächer verwendbar sind, andererseits auf politischer Ebene in einem transnationalen Vergleich grundsätzliche Herausforderungen bei der Implementierung von Gender Mainstreaming aufzeigen.

Das Verständnis von Gender bzw. Geschlecht setzt den Rahmen und stellt die Weichen für die Formulierung von gleichstellungs- und diversitätsorientierten Zielen. Welches theoretische Verständnis und Wissen im Rahmen von Gender Mainstreaming zur Anwendung kommt ist entscheidend dafür, ob laufende und zukünftige Gender Mainstreaming Prozesse es schaffen, dem alltagsweltlichen Geschlechterwissen, das als Grundlage von Organisationskulturen als kollektives Denk- und Handlungsmuster wirkt, ein emanzipatorisches, nicht-essentialistisches theoretisches Fundament zur Seite zu stellen, das als Grundlage von Programmen und Maßnahmen zur Realisierung von Chancengleichheit der Geschlechter transformativ wirken kann.

Der Befund am Ende des Heftes ist ein vorsichtig und zurückhaltend positiver. Zu sehr bewegen wir uns vor dem Hintergrund einer patriarchalen Gesellschaft, und genau aus diesem Grund ist es notwendig, "Top-Down" Maßnahmen, wie Gender Mainstreaming eine ist, mit Steuergruppen aus internen Organisationsmitgliedern, externen ExpertInnen und NGOs kritisch begleiten zu lassen und immer wieder zu überprüfen.

AutorInnen

AutorInnen

Redaktion

Barbara Falkinger
Ilse Rollett
Claudia Schneider

AutorInnen

Monika Blecher, Lehramt für Sonderschulen und Sprachheilpädagogik, Besuchsschullehrerin der Pädagogischen Akademie, Wien

Marlies Ettl, Lehrerin an der Tourismusschule Wien 21

Barbara Falkinger, HS-Lehrerin, Mediatorin in Wien

Erika Hasenhüttl
, Hauptschullehrerin, Erziehungswissenschafterin, Wien

Claudia Heiß, HTL-Imst, unterrichtet Angewandte Mathematik und Deutsch

Viktoria Kriehebauer, Direktorin der Tourismusschule Wien 21

Erich Lehner, Psychoanalytiker in freier Praxis; IFF/Universität Klagenfurt, Abteilung für Palliative-Care und Organisationsethik

Anton Lendl, HTL-Imst, Vorstand der Abteilung "Innenraumgestaltung und Holztechnik"

Angelika Paseka, Soziologin an der Pädagogischen Akademie des Bundes in Wien und Lektorin an der Universität Linz.

Ilse Rollett, AHS-Lehrerin und Supervisorin in Wien

Birgit Sauer, Professorin für Politikwissenschaft am Institut für Politikwissenschaft an der Universität Wien

Ingrid A. Schacherl, Erziehungswissenschafterin; Lehrtätigkeit an div. Universitäten; dzt. Joanneum Research, Institut für Technologie- und Regionalpolitik in Wien

Claudia Schneider, Beratung, Fortbildung und Forschung zu Gender und Diversity, Verein EfEU - verein@efeu.or.at

Heidi Schrodt, seit 1992 Direktorin des Gymnasiums Rahlgasse in Wien, Lehrtätigkeit an der Universität Klagenfurt. Wiener Frauenpreis 2005

Claudia Vogel-Gollhofer
, Pädagogin, Erwachsenenbildnerin, Projektleiterin mut! bei der AMGTirol

Thomas Wulz, Gender Mainstreaming-Steuergruppe der SchülerInnen, Tourismusschule Wien 21

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Studienverlag: Schulheft 122