124 : Biologismus -Rassismus

Klappentext

Klappentext

Pseudowissenschaftlich propagierte Ideologien der Ungleichheit - Biologismen und Rassismen - hatten nicht nur im 19. und 20. Jahrhundert schreckliche Auswirkungen. Auch in der Gegenwart begleiten Selektions- und Leistungswahn neoliberal kapitalistische Vorstellungen in den Bereichen der Bildung und untermauern Sozialabbau und imperialistische Machtansprüche. Das vorliegende schulheft geht diesen Kontinuitäten
nach und will dazu ermutigen, diesen Strömungen entgegenzuwirken und sich für emanzipatorisch motivierte Gesellschaftskonzepte zu engagieren.

Inhalt

Inhalt

Peter Mali
Auf der Jagd nach dem perfekt-erfolgreichen Menschen

Das sozialdarwinistische Gesellschaftsmodell als große Versuchung der Moderne

Ein Gespräch mit Ernst Berger
"Also, ich bin nicht wirklich optimistisch."

Erich Ribolits
Elite ist man eben
Warum in der Bildungspolitik neuerdings wieder so gerne mit Begabung und Elite argumentiert wird

Christoph Butterwegge
Sterben "die Deutschen" aus?
Demografiediskurs und Bevölkerungspolitik als Einfallstore einer Biologisierung des Sozialen

Ernst Woit
Der Mensch als bellizistisches Wesen im Existenzkampf
Wie der Imperialismus heute seine Kriege zur "Neuordnung der Welt" zu rechtfertigen versucht

Elisabeth Hobl-Jahn
Im Panoptikum des Utilitarismus: Bentham, Babbage und Galton und ihre Phantasien von der Herrichtung des Menschen

Amadou Lamine Sarr
Sklaverei aus afrikanischer Sicht

Harald Wilfing
Rasse - ein Anachronismus

Buchempfehlungen

Agnieszka Dzierzbicka, Alfred Schirlbauer
Pädagogisches Glossar der Gegenwart

Ulrich Bröckling, Susanne Krasmann, Thomas Lemke
Glossar der Gegenwart

Vorwort

Vorwort

Das Bedürfnis nach einer "Biologismusnummer" im schulheft entsprang den Diskussionen während der Seminare zur Politischen Bildung zum Thema "Rechtsextremismus, Faschismus, Nationalsozialismus", mit der Absicht, über die Betrachtung extremer Gesellschaftsformen hinaus, Traditionen und Erscheinungen von Biologismus und Sozial-Rassismus zu beschreiben und zu erklären. Eine schwierige Aufgabe, zumal Biologismen, um einen sprachlich entsprechenden Vergleich zu gebrauchen, wie zähe Ablagerungen und manchmal akute Schwellungen im Mainstream liegen und auch viele Lehrer und Lehrerinnen, ob fachspezifisch oder durch ihre "persönliche Meinung", davon infiziert sind. Da sprüht es oft nur so von "natürlichen" Autoritäten, Begabungen, notwendigen Selektionen, tierischen Aggressionserklärungen und entsprechender Pseudowissenschaft. Dazu gibt es jede Menge Unterstützung durch die Medien, wenn es zum Beispiel um Gewalt in der Schule, Leistungs- und Ausgrenzungsideologien und den neoliberalen rassistischen Europataumel geht. Es wird immer schwieriger, aber umso notwendiger, den allgegenwärtigen und alltäglichen Ungleichheitsideologien emanzipatorisch motivierte Gesellschaftsanalysen entgegen zu halten.

In den Beiträgen dieser Nummer muss sich diese umfangreiche Problematik nur auf einige Aspekte beschränken. Unser Anliegen war es vor allem, unbewältigte Traditionen und deren Funktionalität für Gegenwart und Zukunft aufzuzeigen.

So ist Peter Malina in einem historischen Rückblick an Hand einiger ausgewählter Problembereiche der Entwicklung sozialdarwinistischer Überlegungen und Maßnahmen von der Wende des 19. zum 20. Jahrhunderts bis in die unmittelbare Gegenwart nachgegangen. Auf der Suche nach einem erfolgreichen Leben und dem leistungsfähigen Menschen blieben jene auf der Strecke, die den an sie gesetzten Leistungsanforderungen nicht zu entsprechen vermochten. Der Traum Francis Galtons vom "genetisch perfekten" Menschen, die Kosten-Nutzen-Rechnungen der Sozialdarwinisten, die vornationalsozialistischen Sterilisations-Projekte und die "Endlösungen" der NS-Krankenmorde sind Teil einer Entwicklung, die bis in die Gegenwart führt. Der Rückblick in die Vergangenheit der europäischen Moderne macht Sinn: In der historischen Perspektive wird deutlich, dass der "im-perfekte" Mensch nach wie vor eine Herausforderung auch für die Gegenwart ist.

Ernst Berger, Leiter der Jugendpsychiatrischen Klinik am Rosenhügel, hat in einem Gespräch mit Peter Malina Überlegungen seines Beitrags im schulheft Nr. 117/2005 weitergeführt und einen (selbst-)kritischen Befund der gegenwärtigen Situation aus der Sicht der Kinder- und Jugendpsychiatrie vorgelegt. Für ihn ist deutlich, dass die in den letzten beiden Jahrzehnten vollzogene Ausrichtung gesellschaftlicher, ökonomischer und politischer Tendenzen einer neoliberalen, an den Bedürfnissen des Marktes orientierten Wirtschaft auch von der Kinder- und Jugendpsychiatrie wahrzunehmen ist. Allerdings zeigt sich auch hier, dass unter dem Druck vermeintlich notwendiger Kosteneinsparungen helfende und unterstützende Maßnahmen zugunsten kontrollierender und einschränkender beziehungsweise ausgrenzender Vorgaben vorgenommen werden.

Erich Ribolits geht der Frage nach, warum in der Bildungspolitik wieder so gerne mit Begabung und Elite argumentiert wird. Er hält sich an den französischen Soziologen Pierre Bourdieu, der vom "Rassismus der Intelligenz" als "Rassismus der herrschenden Klasse" ausgeht, und stellt fest, dass gegen diesen Rassismusbegriff allgemein große Abwehrhaltung besteht, obwohl die biologistische Argumentation in der Begabungsideologie doch ein eindeutig rassistisches Kriterium darstellt. Die vorgeblich unbeeinflussbaren biologistischen Tatsachen dienen der Legitimation unterschiedlich bewerteter Menschen und sozialer Gruppen. Unter Missachtung aller Erkenntnisse von Studien, die den Zusammenhang vom sozialen Status der Eltern und dem schulischen und beruflichen Erfolg der Kinder zeigen, wird hartnäckig am Mythos festgehalten, dass es in Schule und Ausbildung vorrangig um die Hervorbringung von Begabung ginge. Ribolits nennt das eine Verblendung durch die Ideologie der Begabung, wobei die Begünstigten dieser Gesellschaft sich als eine "natürliche Elite" darstellen. Der Glaube an Eliten bzw. die Notwendigkeit von Eliten ist den neoliberalen Ansprüchen der kapitalistischen Marktwirtschaft von großem Nutzen. Nach wie vor geben herkunftsbezogene Kriterien den Ausschlag für Karrieren in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Umso hartnäckiger ist gegen die Ideologie der Begabung, den Rassismus der Intelligenz, anzukämpfen, stützt sie doch die Interessen derer, die in einem System zunehmender Ungleichheit oben sind oder nach oben wollen.

Die biologistischen, rassistischen Beurteilungen der "Bevölkerungsexplosion" als Grund für die Armut der sogenannten Dritten Welt ist nicht überwunden und wird in den letzten Jahren verstärkt ergänzt durch eine ebenso biologistische Debatte über die Demografie, den Geburtenrückgang, abnehmende Fertilitätsraten in Deutschland/Österreich/Europa. Christoph Butterwegges zentrale These lautet, dass eine Biologisierung bzw. Ethnisierung des Sozialen betrieben wird, die einer Entpolitisierung und Entdemokratisierung zwangsläufig Vorschub leistet. "Die bewusste Parteinahme für soziale Ungleichheit wird beispielsweise als naturwüchsiger, politisch nicht steuerbarer und höchstens nachträglich zu korrigierender Entwicklungsprozess gerechtfertigt." Der Demografiediskurs wird längst nicht nur am rechten gesellschaftlichen Rand geführt, er ist über die Massenmedien in der Mitte der Gesellschaft gelandet. Der Artikel gibt dafür eine Menge von Beispielen, an Medien- und Politikeraussagen zur Renaissance der bürgerlichen Familie und Bevölkerungspolitik, zum biologistisch-rassistischen Diskurs über Migration und multikulturelle Gesellschaft. Dieser völkischen Meinungsmache müsste energisch entgegnet werden. Butterwegge plädiert für Maßnahmen der sozialen Umverteilung von oben nach unten, die der Bekämpfung von öffentlicher wie von privater Armut dienen würde.

Wenn man biologistischen Erklärungen für Kriege entgegentreten will, muss man konsequent die realen Zusammenhänge und Motive aufzeigen, die sich der biologistischen Ideologie bedienen, um eben darüber hinwegzutäuschen und Menschen auch gegen ihre wirklichen Interessen zu Kriegsbefürwortern zu manipulieren. Daher widmet Ernst Woit einen angemessenen Teil seiner Ausführungen der Einschätzung der realen imperialistischen Kriege im Zuge des neuen Kolonialismus im Dienste neoliberaler kapitalistischer Mächte und entlarvt anschließend die zynische Ideologie, die helfen soll, diese Kriege zu legitimieren. In erschreckender Weise wird einem dabei bewusst, wie alte biologistische und rassistische Denkmuster wieder und noch immer von Politikern, Militärs, Wissenschaftern und Medien hemmungslos verwendet werden, um Feinde zu entmenschlichen und deren Vernichtung nicht nur zu fordern, sondern auch durchzuführen.

Elisabeth Hobl-Jahn führt uns auf der Grundlage der Aussagen einer Fernsehdokumentation die erschreckenden Ideen der drei sogenannten Utilitaristen Bentham, Babbage und Galton vor Augen. So absurd und brutal uns die Ideen und konkreten Machenschaften dieser "Philosophen" heute erscheinen mögen, sie wurden im 20. Jahrhundert weiter entwickelt und vieles davon im Nationalsozialismus - aber nicht nur dort - realisiert. Die Textsammlung gibt den Anstoß, biologistisch-sozialrassistische Äußerungen als solche wahrzunehmen und sich jederzeit damit kritisch auseinanderzusetzen, zumal sie uns manchmal noch immer als "ehrwürdige" Dokumente aus der Geschichte, manchmal aber auch als absolut moderne "Gegenwartslösungen" in ziemlich renommierten Wissenschafts-, Politik- und Medienbereichen begegnen.

Amadou Lamine Sarr, geboren im Senegal, setzt sich aus der Sicht von Afrikanern mit dem europäischen Verbrechen der Sklaverei und dem "Dreieckshandel" auseinander und thematisiert neben den wirtschaftlichen Ursachen und Folgen die Beweggründe der Europäer: Macht, Herrschaft und Rassismus. Die Vorurteile der Sklavenherrschaft des 15. Jahrhunderts unterschieden sich kaum von denen des 19. Jahrhunderts. Der wesentliche Teil des Artikels beschäftigt sich mit dem Wesen und Stellenwert des "Code Noir", dem menschenverachtenden Gesetz, das von Jean Baptiste Colbert vorbereitet, von Ludwig XIV. erlassen wurde und bis zur Abschaffung der Sklaverei 1848 in Frankreich deren Aufrechterhaltung und Legitimierung diente. A. L. Sarr mahnt eine eingehende Beschäftigung mit Wesen und Folgen der Sklaverei ein, die nicht nur der Geschichte gerecht wird, sondern sich auch mit den aktuellen Diskriminierungen und Abhängigkeiten auseinandersetzt.

Harald Wilfings Auseinandersetzung mit dem Begriff Rasse, als Gruppenbegriff unter Menschen gebraucht, beweist zusammenfassend noch einmal, dass dieser Begriff in der Biologie einen Anachronismus darstellt und wissenschaftlich unhaltbar ist. Politischer Rassismus bedarf nicht unbedingt eines wissenschaftlichen Beweises für die Existenz von Rassen, Pseudowissenschaft genügt, um rassistische Ungleichheitsideologien zu speisen. Die Argumentation, dass man nicht aus rassistischer, sondern aus wissenschaftlicher Sicht am Rassebegriff festhält - auch in "fortschrittlichen" Kreisen zu hören - müsste nun endgültig der Vergangenheit angehören.

Die abschließenden Buchbesprechungen, verfasst von Eveline Christof und Christopher Schlembach unter dem Titel "Fragmente einer Sprache der Macht", weisen weit über das Thema dieser Nummer hinaus. Aber das Glossar der Gegenwart und das Pädagogische Glossar sind wesentliche Beiträge zum analytischen Umgang mit Begrifflichkeiten, die helfen, biologistischen Erklärungen entgegenzuwirken.

Elke Renner

AutorInnen

AutorInnen

Redaktion

Elisabeth Hobl-Jahn
Peter Malina
Elke Renner

AutorInnen

Berger Ernst , Univ. Prof. Neuropsychiatrische Abteilung für Kinder und Jugendliche, Neurologisches Zentrum Rosenhügel, Wien

Butterwegge Christoph , Univ. Prof., Leiter der Abteilung für Politikwissenschaft, Universität Köln

Christof Eveline , Erziehungswissenschafterin, Assistentin am Institut für Bildungswissenschaft, Universität Wien

Hobl-Jahn Elisabeth , AHS Lehrerin, Wien

Malina Peter , Historiker, Universität Wien

Ribolits Erich , Univ. Prof., Institut für Bildungswissenschaft, Universität Wien

Sarr Amadou Lamine, Lehrbeauftragter am Institut für Geschichte, Universität Wien

Schlembach Christopher , Soziologe, Kuratorium für Verkehrssicherheit, Wien

Wilfing Harald , Leiter der Arbeitsgruppe Humanökologie am Departement für Anthropologie an der Fakultät für Lebenswissenschaften, Universität Wien

Woit Ernst , Philosophiehistoriker und Friedensforscher, Dresden

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Studienverlag: Schulheft 124