128 : Technik - weiblich!

Klappentext

Klappentext

Wissenschaft und Erfahrung beweisen, dass Mädchen und Buben gleichermaßen früh ein hohes naturwissenschaftliches und technisches Interesse zeigen und dass sie Erfahrungen mit Technologiekonstruktionen als lustvoll und motivierend erleben. Tatsache aber ist, dass vor allem Mädchen im Laufe ihrer weiteren Bildungskarriere immer größere Distanz zu den Bereichen Technik und Naturwissenschaft für Alltag und Beruf entwickeln.
Das schulheft beschäftigt sich mit dem angeblichen Mangel an technischer Kompetenz von Mädchen und Frauen und deren tatsächlich geringen Präsenz in technischen Bereichen. Die Beiträge analysieren mädchen- und frauenzentrierte Fördermaßnahmen von der Früherziehung über die Schule bis zum Beruf. Schwerpunkte sind Gendersensible Pädagogik, "technical literacy", Diskurs um die Arbeit in geschlechtsheterogenen oder geschlechtshomogen Gruppen.

Inhalt

Inhalt

Josef Seiter
Technik - weiblich!
Eine Einleitung

Tanja Paulitz
Wie männlich ist die Technik?
Sozialwissenschaftliche Antworten auf eine scheinbar einfache Frage

Astrid Jakob, Claudia Schneider
Technische Bildung im Kindergarten

Isabel Zorn
Technologiekonstruktion als Mittel zur Technikbildung für Mädchen und Buben

Bente Knoll, Brigitte Ratzer
Gender und Technik
Überlegungen und Erfahrungen aus dem Projekt "Gender in die Lehre (GIL)"

Eva Sattlberger
Mädchen und Technik
Gesellschaftliche und bildungspolitische Fragestellungen

Ilse Bartosch
Undoing Gender im MNI-Unterricht
Mathematik, Naturwissenschaften, Informatik

Nina Feltz, Katharina Willems
"Fach-Images" - Foto-Interviews mit PhysiklernerInnen als intervenierende und geschlechtergerechte Forschungsmethode

Ruth Mayr
"Es hat irgendwie alles verändert …"
Von mut!igen Erfahrungen und Erfolgen in fünf Jahren Projektlaufzeit

Johanna Klostermann
Mädchen erobern die Technik

Regina Fechter-Richtinger
"Powergirls" - Lust auf Technik
Ziel und "Wege dahin": Technik nutzen versus Technik gestalten

Eva Egger, Sabine Putz
FiT: Frauen in Technik und Handwerk
Ausgangslage und Gegensteuerung durch das AMS

Initiativen
Adressen, Kontakte, Informationen, Programme

Vorwort

Vorwort

Mit Schlagworten wie Technik in der Früherziehung, technischräumliches Denken, schulische technische Erziehung, Technik und Gehirnforschung, Mädchen und junge Frauen in Männerdomänen der berufsbildenden technischen Schulen, Förderprogramme für Mädchen und Frauen, strukturelle Barrieren bei der Berufswahl von technischen Berufen von jungen Frauen, Technik und technische Berufe für behinderte Frauen begann die erste Gedankensammlung für das vorliegende schulheft1 - und doch blieb vieles unbedacht. Nun spannt sich der Bogen der Beiträge von Früherziehung und Kindergarten über die Pflichtschule, die allgemeinbildende Oberstufe und die berufsbildende mittlere und höhere Schule bis hin zum Studium, den Berufskarrieren und dem ForscherInnennachwuchs - und die thematischen Desiderata haben zugenommen. Dann etwa, wenn der Diskurs um die Arbeit in geschlechtsheterogenen oder geschlechtshomogenen (monoedukativen) Gruppen geführt werden sollte oder wenn sich die Frage um die Definition von Technik stellt: Wo werden die Grenzen gezogen zwischen dem, was als technisch gilt, und dem, was als nicht-technisch betrachtet wird? (Tanja Paulitz)

Darauf hinzuweisen, dass alle Beiträge dieses schulhefts die Themen und die Forderungen nach einer barrierenfreien Mädchen- und Frauenförderung aufnehmen, ist nahezu überflüssig. Wenn es jedoch früher in ähnlichen Zusammenhängen zumeist darum ging, den Abbau der formalen und institutionellen Barrieren einzufordern, dann steht gegenwärtig die Bearbeitung der sozialen Konstruktion von Technik und Geschlecht im Zentrum.

Vor dem Hintergrund der Frage, ob die Mobilisierung von Mädchen und Frauen im Rahmen von Bildungs- und Technikinitiativen überhaupt ausreiche, die eindeutig männlich codierte Technik gleichberechtigt zu nützen und mitzugestalten, referiert Tanja Paulitz in ihrem Aufsatz "Wie männlich ist die Technik?" zunächst einige Forschungsansätze, die Technik und Geschlecht als soziale Konstruktion begreifen und den herkömmlichen Kern des Technischen nicht als objektiv und universell gegeben voraussetzen. Diese Ansätze bauen nicht von vornherein auf ein einheitliches Modell "männlicher" technischer Rationalität auf, sondern fragen nach den Widersprüchen, Brüchen und deren Funktionsweisen zur Stabilisierung der herrschenden Positionen und arbeiten dabei auch Momente der Instabilität und Chancen auf Veränderbarkeit heraus. Davon ausgehend plädiert die Autorin, bei zukünftigen Curricula zur herkömmlichen Technikdidaktik Alternativen zu entwickeln, die Lernziele technischer Fächer und Studiengänge interdisziplinärer anzulegen und diese durch nicht-technische Aspekte wie "Schlüsselqualifikationen" zu ergänzen - wobei im Blick auf die geforderte Interdisziplinarität die Frage und Politik der Grenzziehungen zwischen Technik und Sozialem selbst zum Gegenstand der Betrachtung zu machen wären.

Mit der These, dass die früheste Beschäftigung mit technischen Phänomen eine fruchtbare Basis gegen die übliche naturwissenschaftlich-technische Erfahrungsfeindlichkeit des Alltags bereiten könnte, beziehen Astrid Jakob und Claudia Schneider für die geschlechtssensible Technikförderung im Grundschulalter Position. In "Technische Bildung im Kindergarten" verweisen sie zunächst auf das erstaunliche Phänomen, dass der österreichische Kindergarten üblicherweise wohl das bei Mädchen und Buben gleichermaßen früh vorhandene naturwissenschaftlich-biologische Interesse befriedigen würde, dass hingegen aber das ebenso vorhandene mathematisch-technisch-konstruktive Interesse keine Förderung erführe, obwohl doch gerade diese Auseinandersetzung entscheidende Grundlagen für eine spätere mathematisch-technische Kompetenz entwickeln würde. Zudem wäre im Sinne einer erfolgreichen geschlechtssensiblen Frühpädagogik natürlich auch besonderes Augenmerk auf die Einrichtung von geschlechter- homogenen Gruppen zu legen und ein Ambiente der Gleichrangigkeit von Buben und Mädchen in geschlechtsgemischten Gruppen zu schaffen.

Einschub: Eine sicher wesentliche Fehlstelle des österreichischen Kindergartens ist die Absenz eines einheitlichen Bildungsplans. Dort, wo in Österreich die so genannte "Freispielzeit" läuft, holen die Kindergartenlehrpläne anderer Länder ganz dezidiert Bau-, Konstruktionsmaterialien, naturwissenschaftliche, mechanische, technische, berufsweltbezogene Inhalte herein. Natürlich kann auch eine technisch-konstruktiv fördernde Lernumgebung und ein verbindlicher allgemeiner Lehrplan allein nicht aus dem Dilemma führen, wenn nicht auch die tradierten Symbolfelder des Bereichs Technik und ihre dementsprechenden genderdominierten Prozesse bearbeitet werden.

Isabel Zorn führt zu Beginn ihres Artikels "Technologiekonstruktion als Mittel zur Technikbildung für Mädchen und Buben" Lernprojekte, wie etwa Robotik-Kinderworkshops vor, die darauf zielen, die zunächst abstrakten Vorstellungen von Robots und deren Programmierung von den an Workshops Teilnehmenden Schritt für Schritt zu erforschen und zu konkretisieren. Technikinteresse, auch jenseits tradierter Geschlechterstereotype, führt beispielsweise zur Teilnahme am "Roberta"-Projekt des deutschen Fraunhofer Instituts oder zur Entwicklung der mit Elektronik bestückten "smart textiles". Bemerkenswert, aber nicht wirklich verwunderlich: Technische Phänomene werden dann erfolgreich bewältigt, wenn sich die jungen TechnikerInnen konkrete, sogar "literarische" Themen als Plot für ihre Aufgaben hernehmen - etwa den Erzählstrang eines Märchens oder einer Abenteuergeschichte. Die forschende Begleitung dieser Projekte bringt natürlich Aufschlüsse über (geschlechtsspezifische) Hemmnisse bei der Beschäftigung mit Technik und Hinweise zur Förderung, zeigt Kommunikations- und Verhaltensweisen von Burschen und Mädchen auf, decouvriert Vorurteile und Stereotype bei TeilnehmerInnen wie auch bei Projekt- und GruppenleiterInnen. Hilfreich dabei wird allein der Prozess des Bewusstwerdens solcher Denk- und Verhaltensweisen bei den Lehrenden schon deswegen sein, um dadurch einem "Doing-Gender"-Verhalten der Kinder entgegenwirken zu können. Burschen und Mädchen hingegen sollten durch die gemeinsame Aufgabenbewältigung dazu befähigt werden, sich gegenseitig Anerkennung für gemeinsame Erfolge zu zollen, damit zu erfahren, ihre persönlichen Interessen umzusetzen und dabei ihre Fähigkeiten besser kennen zu lernen und weiter auszubauen.

Gendersensibilität in der Hochschullehre, die Analyse der darauf gerichteten Bemühungen und die daraus resultierenden Forderungen sind das Anliegen von Bente Knoll und Brigitte Ratzer. Ihr Artikel "Gender und Technik" bezieht seine Erfahrungen aus dem Projekt "Gender in die Lehre (GiL)", einer Untersuchung, die sich im Feld der Studienrichtungen Elektrotechnik und Technische Physik an der Wiener Technischen Universität abarbeitete. Das Ziel: Durch Strukturveränderungen innerhalb der Fachkulturen einer Technischen Universität diese für Frauen attraktiver zu gestalten. Knoll und Ratzer konstatieren für Frauen, die sich in die technische Hemisphäre bewegen, einen doppelt unsicheren Boden: Sie werden an männlich-technischen "Tugenden" gemessen und mit dem damit oft verbundenen Verlust ihrer "Weiblichkeit" distinguiert - Technikkompetenz vs. Weiblichkeit? Enttäuscht blicken Knoll und Ratzer auf jene "gendertaxierenden" Statistiken über die Zahl der Studierenden und Lehrenden, die das jahrelange Bemühen, Mädchen und junge Frauen für naturwissenschaftliche Themen zu interessieren, auswerten. Die Autorinnen ziehen keine positiven Schlüsse aus den unterschiedlichen Maßnahmen, auch nicht aus internationalen Projekten zur Frauenförderung im Bereich Technik, denen zumindest der recht dürftige Erfolg gemein zu sein scheint, nämlich "eine nennenswerte Veränderung der Geschlechterverhältnisse in naturwissenschaftlichen und technischen Fächern herbeizuführen." Im Zuge des Projekts "Gender in die Lehre" ließen sich zumindest folgende Vorhaben konkretisieren: Im Studien- und Berufsalltag die zahlenmäßige Verteilung von Frauen und Männern in technischen Studienrichtungen sichtbar zu machen, auch außerhalb der Fächer Genderaspekte in den Vermittlungsformen aufzuzeigen, Gendersensibilität bei den im Hochschulbetrieb handelnden Personen bezüglich der Vorstellungen von "guter" Wissenschaft in Gang zu bringen und Wissen aus der Gender- und Frauenforschung langfristig zu verankern.

Ähnlich wie Knoll und Zorn geht auch Eva Sattlberger davon aus, dass Geschlechterstereotype und -vorurteile den Zugang zu den technischen Fächern und Studien bestimmen. In ihrem Artikel "Mädchen und Technik" merkt die Autorin zwei wesentliche Schwellen für die Wahl einer technischen Berufslaufbahn an: Den Einstieg in die Sekundarstufe I - dann, wenn die naturwissenschaftlichen und technischen Fächer (im Wesentlichen Physik und Werken) in nur geringem Maße angeboten werden - und am Ende der Sekundarstufe I - wenn ein allgemeiner Interessenstiefpunkt für naturwissenschaftliche Fachbereiche zu konstatieren ist. Mädchen agieren gerade zu diesem Zeitpunkt mit sehr geringem Selbstvertrauen in technischen und männlich besetzten Bereichen - noch dazu, wenn zu einer intensiveren Identifikation gerade in dieser Zeit die weiblichen Vorbilder fehlen. Hier müssen die LehrerInnen ihre Rolle überdenken, im Unterricht auf Interessensförderung, Kontextbezug und Individualisierung setzen und darauf achten, dass beiden Geschlechtern immer mehrere, auch differierende Interessensgebiete angeboten werden, um geschlechtsspezifischen Vorerfahrungen begegnen zu können.

Ilse Bartosch stellt einen Teil ihrer Analyse "Undoing Gender im MNI-Unterricht" (d.i. Mathematik, Naturwissenschaften, Informatik), die sie zur Evaluation von Projekten des IMST-Gendernetzwerks durchgeführt hat, vor.2 Aus der Vielzahl der von IMST unterstützten Unterrichtsprojekte wählte die Autorin beispielhaft 15 mit der Fokussierung auf den Einsatz des PC im Unterricht, auf Mathematik und Naturwissenschaften im Kontext und auf monoedukative Unterrichtsphasen aus. Dabei stellte sich heraus, dass "Realbegegnungen" der SchülerInnen mit ForscherInnen ein "realitätsnahes Bild" vom "Naturwissenschaften Treiben" wichtige Voraussetzungen bilden, um Stereotype abzubauen, und dass eine reflektierte Auswahl der Unterrichtsinhalte mitentscheidend ist, um beide Geschlechtergruppen zu motivieren. Die Berücksichtigung dieser Qualitäten durchbricht die automatische Assoziation der Fächerinhalte mit "Fremdbestimmung" und ermöglicht "Selbstwirksamkeitserfahrungen", weil nicht mehr "externale" Daten zu verarbeiten sind, sondern die behandelten Inhalte mit dem eigenen Werte- und Normensystem in Beziehung gesetzt werden können.

Nina Feltz und Katharina Willems haben sich mit einer eher ungewöhnlichen Methode daran gemacht, bei deutschen SchülerInnen das Image von Physik, einem angeblich ungeliebten Fach, zu erkunden. Mit "Foto-Interviews" verknüpften die SchülerInnen ihren Lebensalltag mit Physik und dem Physikunterricht und machten das Schlagwort "Lebensweltbezug" durchaus erfolgreich begreifbar: "Fach-Images - Foto-Interviews mit PhysiklernerInnen als intervenierende und geschlechtergerechte Forschungsmethode". Die Darstellung und Analyse von vier erfolgreich verlaufenden Förderprogrammen machen das Thema "Mädchen und Technik" konkret und präsentieren auch ein wenig "good/best practice" wenn dabei diverse Beispiele zur Umsetzung einer gerechten Verteilung beider Geschlechter in den technischen Studien und im technischen Alltag vorgeführt werden.

Ruth Mayr zieht in ihrem Beitrag "Es hat irgendwie alles verändert …" ein Resümee des seit fünf Jahren laufenden, sehr erfolgreichen "mut!"-Projektes mit seinen Fördermaßnahmen für eine technikzentrierte Berufsinformation für Mädchen, die Einrichtung von Aus- und Fort- bildungsangeboten für LehrerInnen und der hinter mut! stehenden Botschaft, traditionelle Geschlechterrollen zu hinterfragen und aufzubrechen.

Johanna Klostermann stellt in "Mädchen erobern die Technik" das seit 13 Jahren an der Technischen Universität Graz verankerte Projekt "FIT-Frauen in die Technik" vor, das mit konsequenter Arbeit erreicht hat, die Zahl von weiblichen Studierenden um zumindest 10 Prozent zu steigern. Dabei werden besonders zwei Projekte, "CoMaed" (Vermittlung von IT-Kompetenz für Schülerinnen zwischen 10-13) und "T_UG" (vierwöchige Ferialpraxis an verschiedenen Instituten der TU Graz für Schülerinnen zwischen 16-18) vorgestellt, Vorhaben, die mentale und strukturelle Barrieren abzubauen versuchen.

Mit ähnlicher Absicht richtet sich das Projekt "Power Girls" an oberösterreichische Schülerinnen der 6. Schulstufe, die in mehrtägigen Workshops in oberösterreichischen Betrieben, HTLs, Fachhochschulen, Universitätsinstituten oder am Linzer "Ars Electronica Center" zu jungen Expertinnen herangebildet werden. Sie sollen schließlich als "Peers", als "Power Girls" für Technikkompetenz, für ihre Altersgenossinnen fungieren. Regina
Fechter-Richtinger berichtet darüber. Im Rahmen dieses Projektes wurden in den 29 Projektschulen auch unverbindliche Übungen zum Thema "Mädchenförderung im Technikbereich" initiiert. 2008 wird der erste Jahrgang der "Power Girls", die 8. Schulstufe beenden, man kann auf die Evaluation des ersten Zyklus gespannt sein.

Nicht nur in den tertiären Bildungssektoren wie Fachhochschulen und Universitäten, auch in den berufsbildenden Schulen und in der dualen Berufsausbildung herrscht starke geschlechterspezifische Segregation. Das AMS bietet seit 2006 für arbeitsuchende Frauen und Mädchen im Rahmen des Programms "FiT: Frauen in Technik und Handwerk" (nicht ident mit dem Programm FIT der Technischen Universitäten) Information, Module zur Berufsorientierung, zur Wiederholung von naturwissenschaftlichen Grundkenntnissen, Qualifizierung, Begleitung und Unterstützung während der gesamten Ausbildung an. Begleitet wird die Initiative von externen Beratungsstellen, wie etwa durch die Mädchenberatungsstelle "Sprungbrett für Mädchen". Eva Egger und Sabine Putz berichten darüber.

Recht umfangreich ist diesmal die abschließende Zusammenstellung von Initiativen, Organisationen, staatlichen Stellen mit ihren Internetadressen, Websites und sonstigen Informationen zum Bereich Frauen und Technik, Forschung, Forschungsprojekten, Schule und Hochschule, Beruf und Alltag ausgefallen. Trotzdem bietet diese Zusammenstellung keine Gewähr für Vollständigkeit.

Ein Resümee vorweg:
Technikförderung ist "Gendersache" und mehr Das große, utopische Fernziel wäre, eine umwelt- und sozialverträgliche Technikgestaltung zu lehren und zu lernen - so Knoll und Ratzer in ihrem Beitrag. Dies bedeutet weitaus mehr als das Hereinnehmen einer Genderperspektive. Und doch schärft die Genderperspektive den Blick dafür, wo und mit welchen Mitteln die Teilhabe aller am Technologieprozess Beteiligten entscheidend verbessert werden kann. Und geschlechtersensible Pädagogik ist ein Mittel dafür. Wichtige Strategien haben sich am "Doing Gender" (die Bezeichnung für die Herstellung bzw. die Aufrechterhaltung von geschlechtsangemessenem Verhalten) zu orientieren. "Undoing Gender" bedeutet, Situationen im Hinblick auf das Geschlecht zu neutralisieren, es zu einem "seen, but unnoticed" Charakteristikum zu machen.3

• Förderung der positiven Selbsteinschätzung der technischen Kompetenz - aber: Die positive Selbsteinschätzung orientiert sich nicht unbedingt an
  den erbrachten, gut benoteten Erfolgen in dementsprechenden Schulfächern - etwa in Physik oder Technischem Werken.
• Bewusste Interaktions- und Kommunikationsfähigkeiten, "Genderkompetenz" aufbauen.
• Schwellenangst vor geschlechtsuntypischen Tätigkeiten nehmen.
• Leistung in untypischen Bereichen fordern/fördern, Forderung nach: Mädchen ins Handwerk, in technische Berufe, in die IT Branche, natürlich
  auch als Unternehmerinnen, in Naturwissenschaften und Mathematik.
• Identifikationen schaffen - Rollenvorbilder geben. Alle sind "role models": Eltern, LehrerInnen, Fachleute, Schule, Betriebe sind mitverantwortlich
  dafür. Die Vorbildwirkung geschieht durch bewusste und unbewusste Weitergabe von Rollenvorstellungen und Vorwegnahmen/Vorurteilen, die sowohl
  den Arbeitsplatz (Aussichten auf Lehrstellen, Vorurteile, auch Sexismus am Arbeitsplatz) als auch "Vereinbarkeitsleistungen" (berufliche Vorbilder,
  Geschlechterrollen) betreffen.
• Verstärken von positiven Haltungen, etwa durch "Peers" (Leitpersonen, Freundinnen, ...) und Botschaften von außen.
• Aktivieren und Verstärken von Interessen. Besonders Mädchen reagieren positiv, was die Interessensförderung betrifft, auf kontextbezogenen Unterricht. 
  Technisch-physikalische Abläufe und Erkenntnisse werden affirmiert, wenn der praktische Nutzen klar erkennbar wird. Dennoch sollte in diesem
   Zusammenhang darauf geachtet werden, dass beiden Geschlechtern immer mehrere Interessensgebiete angeboten werden, damit sich
  geschlechtsspezifische Vorerfahrungen nicht stabilisieren können. Wenn Burschen Interesse am "Verfügungswissen" über technische Ausstattung,
  Objekte und Materialen entwickeln, bevorzugen Mädchen Orientierungswissen, Kommunikation, Kooperation, Experiment, Wissenserwerb, kontext-
  bezogene Arbeit.
• Vernetzung und gendersensible Strukturierung von Unterricht und fördernder Projekte, Weiterführung des Diskurses um den Unterricht in geschlechts-
   heterogenen oder geschlechtshomogenen (monoedukative) Gruppen.
• Umfeldschulung - Elternarbeit, LehrerInnenfortbildung zur "Revision" der eigenen, vorlebenden Positionen der Pädagoginnen und ihrer Profilierung
  als "role models".
• Das Informationsdefizit der Berufsoptionen beseitigen, aber: Berufsorientierung ist natürlich als Prozess zu sehen - Berufsinformation ist nur eine Dimension.

Das endgültige Ziel kann nur Gendergerechtigkeit sein, die "Eroberung" von technischen Berufsfeldern durch Frauen heißt schließlich auch, Gender-
gerechtigkeit für die gesamtgesellschaftliche Situation zu gewinnen, genauso die "Eroberung" von Sozial- und Erzieherberufen durch Burschen -
wenn man schon wieder mit Stereotypen hantieren will. Da der technologische Wandel mehr denn je Auswirkungen auf jeden Aspekt unseres öffentlichen
und privaten Lebens hat, kommt auch der Teilhabe aller an Technologiegestaltungsprozessen höchste Bedeutung zu - die Begabungen einer ganzen
Bevölkerungsgruppe zu ignorieren, indem die Gesellschaft die für Alltag und Beruf nötige technische Kompetenz nur am männliche Expertentum ausrichtet,
heißt auch, gesamtgesellschaftlich äußerst fahrlässig zu handeln.

1 Das schulheft hat schon in mehreren Aufsätzen das Thema "Technik, Geschlecht und Frauen" bearbeitet, bevor es ihm eine ganze Ausgabe gewidmet hat. Im Wesentlichen sei dabei auf folgende schulhefte verwiesen: Nr. 63/1991: Angekreidet! Sexismus in Schule & Bildung; Nr. 98/1998: Hauptfach Werkerziehung; Nr. 104/2001: Geschlechtergrenzen überschreiten? Pädagogische Konzepte und Schulwirklichkeit auf den Prüfstand; Nr. 122/2006: Mit dem Strom, gegen den Strom. Gender Mainstreaming an der Schule; Nr. 123/2006: Verlierer im Überfluss. Bildungssystem und Ungleichheit - Aspekte eines diffusen Zusammenhangs 2 IMST ist ein vom BMUKK getragenes Didaktikprojekt, das den Unterricht in Mathematik, den Naturwissenschaften, der Informatik sowie verwandter Fächern verbessern soll. imst.uni-klu.ac.at 3 Der Begriff "Doing Gender" wurde von Candace West und Don Zimmermann geprägt. West, C., Zimmermann, D.: in: Doing Gender, in: F. S. A. Lorber J. (Ed.), The Social Construction of Gender, Newsbury Park 1991. Siehe Ilse Bartosch in diesem schulheft. 4 Dieses Resümee orientiert sich ein wenig an jenen "Strategien", die Schlaffer und Gauss in ihrer Zusammenstellung über "Internationale Best Practice Modelle für eine gendergerechte Welt" aufgelistet haben: Edit Schlaffer, Eva Maria Gauss: International Best Practice Modelle für eine gendergerechte Welt. Buben in die Erziehung - Mädchen in die Naturwissenschaften, BMBWK, Wien 2005, S. 8. Download: www.klassezukunft.at/statistisch/zukunft/de/best_practice_ modelle.doc

Josef Seiter

AutorInnen

AutorInnen

Redaktion

Josef Seiter

AutorInnen

Ilse Bartosch, AHS Lehrerin, Mitarbeit im Projekt IMST, Arbeitsschwerpunkte: Beratung von LehrerInnen bei Schul- und Unterrichtsprojekten; Forschungstätigkeit: Gender und naturwissenschaftlicher Unterricht

Eva Egger, AHS Lehrerin, Mitarbeiterin der Abteilung "Arbeitsmarktpolitik für Frauen" der AMS Bundesgeschäftsstelle, Arbeitsschwerpunkte: Berufsorientierung
von Mädchen, Qualifizierung von Frauen und Mädchen in handwerklichtechnischen Berufen

Nina Feltz, wissenschaftliche Mitarbeiterin des GENUS-Projektes und an der Universität Hamburg, Forschungsschwerpunkte: Bewegung, Geschlecht und Gesundheit, Methodenentwicklung, Schulforschung

Regina Fechter-Richtinger, Lehrerin an der Polytechnischen Schule Urfahr, Studium der Medienpädagogik, Projektleiterin "Power Girls" beim education highway Oberösterreich

Astrid Jakob, Kindergartenpädagogin, Horterzieherin, Studium der Erziehungswissenschaften, Berufsorientierungstrainerin, Mitarbeiterin des Projektes "mut!"-Mädchen und Technik

Bente Knoll, Landschafts- und Verkehrsplanerin, Genderexpertin, Gesellschafterin der Knoll & Szalai oeg. Technisches Büro für Landschaftsplanung und Unternehmensberatung, Univ. Lehrbeauftragte, Mitherausgeberin von "Koryphäe - Medium für feministische Naturwissenschaft und Technik"

Ruth Mayr, Soziologin, Arbeitsschwerpunkt: Frauen- und Geschlechterforschung, v.a. im Bereich Beruf und Arbeitsmarkt; Projektleiterin des österreichweiten Projekts "mut!"-Mädchen und Technik

Tanja Paulitz, Soziologin, wissenschaftliche Assistentin im Fachgebiet Geschlechtersoziologie an der Universität Graz, Arbeitsschwerpunkte: interdisziplinäre Wissenschafts-, Technik- und Medienforschung, Frauen- und Geschlechterforschung in den Fachrichtungen Soziologie, Kulturwissenschaft und Erziehungswissenschaft

Sabine Putz, Soziologin, Mitarbeiterin in der Arbeitsmarktforschung & Berufsinformation der AMS Bundesgeschäftsstelle, Arbeitsschwerpunkte: Arbeitsmarktbeobachtung & Statistik sowie Arbeitsmarktforschung

Brigitte Ratzer, Chemikerin, Wissenschaftsforscherin, Leiterin der Koordinationsstelle für Frauenförderung und Gender Studies der Technischen Universität Wien, Forschungsschwerpunkte: Technik und Gesellschaft, feministische Technikkritik, Bioethik

Eva Sattlberger, AHS Lehrerin, Bildungswissenschaftlerin, tätig in der LehrerInnenaus- und -weiterbildung an der Universität Wien

Claudia Schneider, Beratung, Aus- und Fortbildung, Forschung zu Gender und Diversity, Verein EfEU

Josef Seiter, Professor an der Pädagogischen Hochschule Wien, Kulturhistoriker

Katharina Willems, wissenschaftliche Mitarbeiterin des GENUS-Projektes und an der Universität Hamburg, Forschungsschwerpunkte: Fachkulturforschung, Gender im Bildungssystem, Konfliktmanagement, Mediation

Isabel Zorn, Research Fellow am IFZ Graz, Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte: Technologieentwicklung für Bildungsprozesse, Informationstechnologie und Gender, virtuelle Communities, Medienpädagogik, Technikdidaktik

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Studienverlag: Schulheft 128