129 : Eine andere Erste Republik?

Klappentext

Klappentext

Die Publikationslandschaft zur Geschichte der Ersten Republik in Österreich ist nach wie vor durch Lücken, Leerstellen und Tabus gekennzeichnet. Nur mit neuen Fragestellungen können auch neue/andere Antworten provoziert werden.
Dieses schulheft beschäftigt sich mit Entwicklungstendenzen und Strukturen der Ersten Republik, es will Gegensätze und Widersprüche aufzeigen, Verknüpfungen zur Gegenwart herstellen und so zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit anregen.

Inhalt

Inhalt

Peter Malina
Die Erste Republik Österreich: Nicht nur eine Überlegung wert

Peter Malina, Elke Renner
Die Erste Republik
Ein Annäherungsversuch in 12 Stationen

Peter Gstettner
Ein deutscher Sieg und seine Folgen
Deutungen, Umdeutungen und Zwiespältigkeiten beim Erzählen der Kärntner Geschichte

Peter Gstettner
"Aber lieber Josef Feldner …"
Eine neue Koalition balanciert am rechten Rand Kärntens. Eine Buchbesprechung nebst kritischen Anmerkungen zu einem fragwürdigen Dialog

Christoph Butterwegge
Reformen gestern - Reformen heute
Sozialpolitik in der Weimarer und in der Bundesrepublik

Renée Winter
Fernseh-Gedenken
März 1938 im ORF der 1960er Jahre

Christian Oggolder
Zeitungslandschaften: Zur Presse in der Ersten Republik

Michaela und Robert Pfundner
Bild- und Tondokumente der Ersten Republik

Christian H. Stifter
"Die Sanierung der Hirne"
Volksbildung in Wien in der Ersten Republik

Ferdinand Holub
Die Sonderschulen in der Ersten Republik mit besonderer Berücksichtigung des "Hilfsschulwesens" in Wien

Buchempfehlung

Christoph Butterwegge, Bettina Lösch, Ralf Ptak:
Kritik des Neoliberalismus

Vorwort

Vorwort

Das Thema, um das es in diesem schulheft geht, ist in den letzten Jahren kaum mehr beachtet worden. In der Öffentlichkeit ist die Erste Republik bestenfalls noch bei Gedenk- und Erinnerungsfeiern im Gedächtnis. Erst im Zuge der Vorbereitung des Jubiläumsjahres 2008 ist das Interesse der Öffentlichkeit wieder wach geworden. So richtig es ist, dass historische Erinnerung konkreter Anlässe bedarf, so problematisch ist es, wenn sich dieses Erinnern ausschließlich auf durch Jahreszahlen vorgegebene Anlässe reduziert und zwischen jubiläumsträchtigen Jahren pure Gedankenlosigkeit um sich greift.

Immerhin geben Gedenkjahre der professionellen Geschichtswissenschaft die Möglichkeit, Geschichtsprojekte zu entwickeln (und zu realisieren), die in der jubiläumsfreien Zwischenzeit eher wenig öffentliche Unterstützung bekommen. Trotz der kontinuierlichen Zunahme von Publikationen zur österreichischen Zeitgeschichte in den letzten Jahrzehnten ist die Publikationslandschaft zur Geschichte der Ersten Republik nach wie vor durch Lücken und Leerstellen gekennzeichnet. Als Ergebnis der Entwicklung der Geschichtswissenschaft zu einer historischen Sozialwissenschaft ist die Geschichte der Ersten Republik nicht mehr nur als politische Geschichte zu beschreiben. Allerdings: Nur mit neuen Fragestellungen können auch neue/andere Antworten provoziert werden. In einer Geschichte der österreichischen Zwischenkriegszeit ist diese Gesellschaft immer noch ein mehr oder minder "unbekanntes Wesen"; auch eine umfassende Kulturgeschichte der Ersten Republik, die sich nicht nur auf die Hoch-Kultur konzentriert, sondern umfassend auch die Alltags-Kultur mit einbezieht, ist nach wie vor ein Desiderat. Eine Religionsgeschichte, die nicht nur eine Amts-Kirchengeschichte ist, liegt derzeit ebenso wenig vor wie eine umfassende Geschichte der politischen Kultur der Ersten Republik. Richtet sich der Blick weg von einer personenorientierten politischen Ereignisgeschichte zu einer strukturinteressierten Gesellschaftsgeschichte, so erhält die Geschichte der Österreichischen Republik ein neues/anderes Gesicht. Dann werden nicht mehr (nur) die Erfolgreichen und Mächtigen, sondern auch die Ohnmächtigen und Erfolglosen zu Subjekten der Geschichte. Die Kleinen und die klein Gemachten werden dort sichtbar, wo sich der Blick nicht mehr nur auf die Großen und groß Gemachten richtet. Werden Ohnmächtige ins Blickfeld gerückt, dann ist auch über Machtverhältnisse und Abhängigkeiten zu sprechen. Armut wird dann nicht mehr (nur) als natürliche Gegebenheit, sondern als Folge von Verteilungskämpfen begriffen. Auf diese Weise rücken auch bisher kaum wahrgenommene Gesellschaftsbereiche in den Mittelpunkt des Interesses.

Die österreichische Gegenwart ist voll von den verschiedensten Vergangenheits-Bildern und von durchaus wider- sprüchlichen Gedächtniskulturen geprägt, die zumindest im parteipolitischen Umfeld immer noch zu Kontroversen und Auseinandersetzungen führen. Das Erinnerungsprojekt "Erste Republik" wird dann gelingen und gesellschaftlich- politisch relevant sein, wenn es zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und zu (selbst-)kritischen Anfragen an die Gegenwart führt. In der Unterschiedlichkeit der Verhältnisse, der politischen Rahmenbedingungen und der konkreten politischen Lösungen können sich dann auch Perspektiven für die Gegenwart öffnen.

Das vorliegende schulheft setzt folgende Schwerpunkte: Einige bekannte wissenschaftliche Publikationen werden in ihren Tendenzen charakterisiert, in geraffter Form wirft eine Auswahl (12 Stationen) von Fragen und Einschätzungen zur Ersten Republik wichtige Probleme auf. Über Bild- und Tondokumente können neue Zugangsmöglichkeiten eröffnet werden, die Zeitungslandschaft der Ersten Republik wird beleuchtet und das Jubiläums-Bedenken im Fernsehen der 1960er Jahre einer Kritik unterzogen. Slowenenfeindlichkeit in Kärntens Geschichte hat ihre Kontinuität, das zeigen auch scheinbare Bemühungen um den "Dialog" mit der Minderheit. Themen der Schul- und Bildungspolitik sind das "Hilfsschulwesen" und die Volksbildung in Wien. Der Vergleich der Sozialpolitik in der Weimarer Republik und der Bundesrepublik soll dazu verleiten, ähnliche Fragen auch an die Erste und Zweite Republik in Österreich zu stellen. Die abschließende Buchbesprechung empfiehlt, den Entwicklungen des Neoliberalismus kritisch nachzugehen, um Maßnahmen gegen Entdemokratisierung und Sozialabbau zu entwerfen.

Anlass für dieses schulheft war ein Seminar im Rahmen des Hochschullehrgangs Politische Bildung im Sommer 2007 in Tainach/Tinje. Ein Teil der dort gehaltenen Referate wird hier erweitert beziehungsweise überarbeitet wiedergegeben. Als Seminarunterlagen dienten unter anderem das schulheft "Otto Glöckel - Mythos und Wirklichkeit" zu Fragen der Schulpolitik der Ersten Republik und deren Bedeutung für heute sowie der Katalog des Museums für Zeitgeschichte in Ebensee, der über den Zeitraum vom Ersten Weltkrieg bis 1955 in einmaliger Weise österreichische Zeitgeschichte mit Regionalgeschichte, politische und Alltagsgeschichte verbindet und damit Spurensuche und erlebbare Vergangenheit ermöglicht. Die Geschichte der Ersten Republik Österreich zu erinnern heißt, sich auch bewusst zu werden, dass dieses Erinnern Wandlungen und Veränderungen unterworfen ist. Entsprechend der Zielsetzung des Seminars geht es in diesem schulheft daher nicht um ein nostalgisches ent- oder beschuldigendes Zurückerinnern, sondern darum, in der Vergangenheit der Ersten Republik Entwicklungstendenzen und Strukturen zu entdecken, die in die Gegenwart führen. Gegensätze und Widersprüche sollen dabei nicht ausgespart bleiben. So gesehen macht es auch Sinn, sich an die Zeit zu erinnern, die wir nicht erlebt haben.

Elke Renner, Peter Malina

AutorInnen

AutorInnen

Redaktion

Peter Malina
Elke Renner

AutorInnen

Christoph Butterwegge, Univ.Prof., Leiter der Abteilung für Politikwissenschaft und Geschäftsführender Direktor des Seminars für Sozialwissenschaft an der Universität Köln

Peter Gstettner,
o. Univ.-Prof. für Erziehungswissenschaft an der AlpenAdria-Universität Klagenfurt/Celovec

Ferdinand Holub,
Sonderschullehrer, Wien

Peter Malina,
Zeithistoriker, Universität Wien

Christian Oggolder,
Historiker an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien

Michaela Pfundner,
Historikerin, Österreichische Nationalbibliothek, Wien

Robert Pfundner,
Historiker, Österreichische Mediathek, Wien

Elke Renner,
AHS Lehrerin, Wien

Christian H. Stifter,
Historiker, Direktor des Österreichischen Volkshochschularchivs, Wien

Renée Winter, Historikerin, Wien

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Studienverlag: Schulheft 129