142 : Wie Bourdieu in die Schule kommt

Klappentext

Klappentext

Pierre Bourdieu zählt heute zu den zentralen Denkern in den Sozialwissenschaften. In seinen Arbeiten zu Bildung und Erziehung deckte er eine Reihe von pädagogischen Illusionen auf, z.B.

  • dass Schule mit Gerechtigkeit zu tun habe (die Illusion der Chancengleichheit),
  • dass Bildung eine rein „geistige“ Tätigkeit sei,
  • dass man durch Bildung seine Herkunft "abstreifen" und ein ganz eigenes "Ich" bilden könne,
  • dass Bildung eine Sphäre sei, die völlig frei von Interessen ist.

Die Artikel in dieser schulheft-Nummer sorgen nicht nur für die entsprechende Desillusionierung, es werden auch Anregungen für Veränderungen gegeben.

Inhalt

Inhalt

Eckart Liebau
Was Pädagogen an Bourdieu stört

Ingolf Erler
Bildung - Ungleichheit - symbolische Herrschaft

Uwe H. Bittlingmayer
Die Diskussion um funktionalen Analphabetismus aus der Perspektive der Bildungs- und Herrschaftssoziologie Pierre Bourdieus

Thomas Alkemeyer
Die Körperlichkeit des Lernens, der Bildung und der Subjektivierung

Viktoria Laimbauer
Wer wird Lehrer_in?

Brigitte Leimstättner
Das Feld Schule und seine Akteur/innen

Erna Nairz-Wirth
Schulabbruch als Stigma

Rahel Jünger
Der schulbezogene Habitus von privilegierten und nichtprivilegierten Kindern im Vergleich – und einige Folgerungen für die Praxis

Elisabeth Rieser
"Also, die positive Einstellung zur Bildung war auf alle Fälle von meiner Mutter da"

Simone Breit & Claudia Schreiner
Chancengerechtigkeit im österreichischen Bildungssystem im Spiegel von Daten und Indikatoren

Vorwort

Vorwort

"Wie Bourdieu in die Schule kommt" paraphrasiert einen der bekanntesten deutschsprachigen Buchtitel des Werks Pierre Bourdieus: Wie die Kultur zum Bauern kommt (2001). Darin geht es, eigentlich nicht auf den ersten Blick ersichtlich, um Bildung, Schule und Politik, so der Untertitel dieser Aufsatzsammlung. Aber in diesem Titel bekommt das Programm der Bourdieu'schen Bildungs- und Kultursoziologie, oder sagen wir besser seiner Kritik an diesen Institutionen eine ausgesprochen prägnante Form. Die Widersprüche zwischen bäuerlichem Milieu und "Moderne" sind in diesem (namensgebenden) Interview der Ausgangspunkt, um die Rolle der Schule und ihre modernisierenden Versprechen kritisch zu beleuchten. Angefangen hat die deutschsprachige Bourdieu-Rezeption vor genau 40 Jahren. Damals erschien im Ernst Klett Verlag das Buch "Die Illusion der Chancengleichheit". Diese erste deutschsprachige Publikation von bildungssoziologischen Arbeiten Pierre Bourdieus (und seines Co-Autors Jean Claude Passeron) stellt bis heute einen Meilenstein in der kritischen Diskussion um die Frage des (sozial ungleichen) Zugangs zur Bildung dar. Dabei ging es Bourdieu nicht nur darum zu zeigen, dass das Postulat der Chancengleichheit sich als Illusion erweist. Er geht noch weiter: Das Bildungswesen baut soziale Ungleichheiten nicht nur nicht ab, es trägt vielmehr aktiv zur Erhaltung der vorhandenen Ungleichheiten bei. Aktuelle Untersuchungen zeigen übrigens, dass sich daran kaum etwas geändert hat.

Es darf also nicht wundern, dass die soziologischen Einsichten und Befunde, die sich mit Bourdieus Konzepten erzeugen lassen, von den AkteurInnen der Schule und der Bildung nicht unbedingt mit Begeisterung zur Kenntnis genommen werden. Wir haben uns bei den redaktionellen Überlegungen zu dieser SCHULHEFT-Nummer von dem schönen und kenntnisreichen Aufsatz von Eckart Liebau über den "Störenfried Bourdieu" anregen lassen. (Eine überarbeitete Fassung dieses Aufsatzes findet sich auf S. Xff.) Demnach liegt die Stärke der Bourdieu'schen Konzepte von Schule und Erziehung ­ wie der soziologischen Konzepte überhaupt - in ihrer Kraft zur Desillusionierung, aus der sich auch eine Kraft zur Veränderung entwickeln kann. Soziologie, und insbesondere Bourdieu, ernst genommen, heißt nicht mehr daran zu glauben,

  • dass Schule mit Gerechtigkeit zu tun hat (die Illusion der Chancengleichheit),
  • dass Bildung nur mit "Geist" zu tun und dass der Körper (und dessen "Bildung") keine Rolle spielt,
  • dass man mittels Bildung seine Herkunft "abstreifen" kann und ein ganz eigenes "Ich" bilden kann,
  • dass Bildung eine ganz eigene Sphäre bildet und frei von Interessen ist.

Die Artikel in dieser schulheft-Nummer machen es sich zur Aufgabe, einerseits für die entsprechende Desillusionierung zu sorgen, andererseits sollen Beispiele geliefert werden, wie diese Desillusionierung Anregungen für Veränderungen geben kann.

Nach dem schon angesprochen Einleitungsartikel von Eckart Liebau "Was Pädagogen an Bourdieu stört" liefern Ingolf Erler, Uwe Bittlingmayer und Thomas Alkemeyer einen ersten Einblick in die theoretischen Konzeptionen Bourdieus. Ingolf Erler setzt sich mit der "Symbolischen Herrschaft" in Bildungsungleichheiten auseinander. Uwe Bittlingmayer nimmt die aktuelle "Diskussion um funktionalen Analphabetismus" zum Anlass, um die notwendigen Zusammenhänge mit Ungleichheit und Herrschaft herzustellen. Thomas Alkemeyer beleuchtet die "Körperlichkeit des Lernens, der Bildung und der Subjektivierung".

Zwei Artikel setzen sich mit den LehrerInnen auseinander. Viktoria Laimbauer fragt: "Wer wird (eigentlich) LehrerIn?" und trägt aktuelle Befunde zur kaum beforschten Frage nach der sozialen Herkunft der LehrerInnen zusammen. Brigitte Leimstättner schildert die Strategien der LehrerInnen als "AkteurInnen im Feld der Schule", die sich mit - teilweise widersprüchlichen - Anforderungen aus der Bildungspolitik konfrontiert sehen.

Im dritten Teil geht es um die SchülerInnen - im weitesten Sinne. Rahel Jünger referiert kurz ihre Studie zum Vergleich des "Schulbezogenen Habitus von privilegierten und nichtprivilegierten (Grundschul)Kindern" und liefert einige Folgerungen für die Praxis. Erna Nairz-Wirth behandelt das Thema der sogenannten "Early School Leavers" bzw. das "Stigma Schulabbruch". Elisabeth Rieser hat den "Hochschulzugang von Frauen mit bildungsferner Herkunft" untersucht. Und Susanne Breit und Claudia Schreiner liefern eine Übersicht über die aktuellen Zahlen zur schulischen Chancengleichheit.

Damit ist der Kreis zu Bourdieu und seiner "Illusion der Chancengleichheit" wieder geschlossen. Zumindest ansatzweise bzw. stichwortartig sollte diese schulheft-Nummer auch ein kleines Bourdieu-Kompendium darstellen. Daher möchten wir an dieser Stelle ganz kurz ­ und entsprechend verkürzt ­ die wichtigsten Begriffe im Theoriegebilde des französischen Soziologen vorstellen.

Pierre Bourdieu, 1930 als Sohn eines Postbeamten und einer Bauerntochter in einem kleinen Dorf im entlegenen Béarn in den Pyrenäen geboren, hatte das unwahrscheinliche Glück, am Ende seiner Schullaufbahn an der Pariser Eliteuniversität École Normale Supérieure zu landen. Die damit überwundene soziale und kulturelle Distanz und persönliche Erfahrung verhalf Bourdieu wohl zu einem besonders feinen Sinn für diese (Re-)Produktionsfunktion des Bildungssystems. Rasch erkannte er, dass es nicht genügen würde, soziale Ungleichheit als Produkt einer Gesellschaft zu beschreiben, die aus zwei einander feindlich gegenüberstehenden Klassen bestehe. Er erklärte sich die Klassengesellschaft nicht ausschließlich über das Eigentum und Nichteigentum an ökonomischen Gütern, die umgangssprachlich gerne als "Kapital" bezeichnet werden. Diesen Begriff erweiterte er um eine kulturelle, soziale und symbolische Dimension. Kapital tritt dabei in mindestens vier Arten auf:

  1. Ökonomisches Kapital ist praktisch identisch mit dem umgangssprachlich verwendeten. Es ist in unseren Gesellschaften dominant und wird in Form von Eigentum angesammelt.
  2. Kulturelles Kapital meint den Besitz von (legitimer) Bildung, Wissen und Geschmack. In erster Linie finden wir dieses als gelerntes Wissen (inkorporiert). Zur Schau gestellt wird es in institutionalisierter Form, über schulische Abschlüsse, Zertifikate und Titel. Schließlich lässt sich kulturelles Kapital auch in objektiviertem Zustand beschreiben: »in Form von kulturellen Gütern, Bildern, Büchern, Lexika, Instrumenten oder Maschinen, in denen bestimmte Theorien und deren Kritiken, Problematiken usw. Spuren hinterlassen oder sich verwirklicht haben« (Bourdieu 1997: 53).
  3. Soziales Kapital sind die hilfreichen sozialen Netzwerke, die einer Person, vor allem dank Geburt in eine bestimmte Familie, zur Verfügung stehen.
  4. Schließlich nennt Bourdieu noch das symbolische Kapital, das umgangssprachlich als Prestige oder Renommee bezeichnet werden würde.

Die Teilbereiche der Gesellschaft, wie Politik, Religion oder Wirtschaft, bezeichnet Bourdieu als soziale Felder, wobei sich jedes Feld durch einen spezifischen Ethos auszeichnet. Dabei ist es vergleichbar mit einem Spielfeld, indem die verschiedenen Kapital-Formen Trümpfe darstellen. So reproduziert sich im sozialen Feld der Bildung soziale Ungleichheit vor allem über das kulturelle Kapital, gleichzeitig steht dahinter jedoch immer die Verfügung über ökonomisches Kapital. Das Bildungssystem hat die Macht, Titel, also institutionalisiertes Kapital, zu verleihen (vgl. Bourdieu et al. 1981). Bildungstitel eröffnen oder verschließen ihren Besitzern den Zugang zu begehrten sozialen Positionen und Lebensformen, ihre Seltenheit erhöht den Wert in der Auseinandersetzung um attraktive Positionen im sozialen Raum.

Um erklären zu können, wie und warum die Inszenierung von Wissen und Bildung so ungleich wirkt, greift Bourdieu auf das alte sozial-philosophische Konzept des Habitus zurück. Unter Habitus versteht er die jeweils spezifische Art und Weise, unseren Alltag wahrzunehmen, zu beurteilen, zu denken und zu handeln. Der "Habitus" ist quasi das Kernstück der Theorie von Pierre Bourdieu: "Der Habitus ist das vereinigende Prinzip, das den verschiedenen Handlungen des Individuums ihre Kohärenz, ihre Systematik und ihren Zusammenhang gibt." (Bourdieu 1981) "Der Begriff Habitus bezeichnet im Grunde eine recht simple Sache: wer den Habitus einer Person kennt, der spürt oder weiß intuitiv, welches Verhalten dieser Person versperrt ist. Wer z.B. über einen kleinbürgerlichen Habitus verfügt, der hat eben auch, wie Marx einmal sagt: Grenzen seines Hirnes, die er nicht überschreiten kann. Deshalb sind für ihn bestimmte Dinge einfach undenkbar, unmöglich, gibt es Sachen, die ihn aufbringen oder schockieren. Aber innerhalb dieser seiner Grenzen ist er durchaus erfinderisch, sind seine Reaktionen keineswegs immer voraussehbar". (Bourdieu 1993:26f).

Auf diese Begriffe wird insbesondere in folgenden Artikeln eingegangen:

  • Habitus in den Beträgen von Eckart Liebau, Ingolf Erler, Uwe Bittlingmayer, Viktoria Laimbauer, Brigitte Leimstättner, Rahel Jünger, Erna Nairz-Wirth und Elisabeth Rieser
  • Soziales Feld in den Beirägen von Eckart Liebau, Ingolf Erler, Brigitte LeimstättnerErna Nairz-Wirth und Elisabeth Rieser
  • Kapital in den Beiträgen von Eckart Liebau, Ingolf Erler, Viktoria Laimbauer, Brigitte Leimstättner, Rahel Jünger, Erna NairzWirth und Elisabeth Rieser
  • Symbolische Gewalt und Herrschaft in den Beiträgen von: Eckart Liebau, Ingolf Erler und Uwe Bittlingmayer.

An dieser Stelle möchten wir Sie auch auf eine erfreuliche Neuigkeit des schulhefts hinweisen: Seit einigen Wochen ist die neue Homepage (www.schulheft.at) online gegangen. Neben den Informationen zu den bisher erschienenen Ausgaben besteht dort auch die Möglichkeit ältere Ausgaben, bis zurück in das Gründungsjahr 1976, als PDF downzuloaden und zu lesen. Neue Ausgaben werden zwei Jahre nach Erscheinen als PDF zur Verfügung gestellt. Wer sich über Neuigkeiten und Termine informieren möchte, kann sich auf der Homepage auch in den neuen schulheft-Newsletter eintragen.

Ingolf Erler, Viktoria Laimbauer, Michael Sertl


Literatur
Bourdieu, Pierre (1981): Titel und Stelle EVA: Frankfurt/Main.
Bourdieu, Pierre (1993): Satz und Gegensatz. Fischer: Frankfurt/Main.
Bourdieu, Pierre (2001): Wie die Kultur zum Bauern kommt. Über Bildung,Schule und Politik. VSA: Hamburg
Bourdieu, Pierre (1997): Die verborgenen Mechanismen der Macht. VSA: Hamburg. Bourdieu, Pierre/Passeron, Jean-Claude (1971): Die Illusion der Chancengleichheit. Stuttgart

AutorInnen

AutorInnen

Redaktion

Ingolf Erler
Viktoria Laimbauer
Michael Sertl

AutorInnen

Uwe Bittlingmayer, Prof. Dr., Soziologe, ist Lehrender an der Pädagogischen Hochschule Freiburg.
Simone Breit, Mag.a Bakk.komm., Erziehungswissenschafterin, ist stellvertretende Leiterin des Bifie Salzburg und Bereichsleiterin Überprüfung der Bildungsstandards.
Ingolf Erler, Mag., ist Bildungssoziologe am österreichischen Institut für Erwachsenenbildung (oieb) und lehrt an den Universitäten Wien und Innsbruck.
Rahel Jünger, Dr.in, arbeitet am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Zürich.
Viktoria Laimbauer, BEd, studiert Soziologie an der Universität Wien.
Brigitte Leimstättner, Mag.a Dr.in, arbeitet am Institut für Personal- und Schulentwicklung an berufsbildenden Schulen in Eisenstadt.
Eckart Liebau, Prof. Dr., ist Inhaber des Lehrstuhls für Pädagogik II und Vorstand am Institut für Pädagogik der Philosophischen Fakultät I der Friedrich-Alexander-Universität ErlangenNürnberg.
Erna Nairz-Wirth, ao.Univ.-Prof..in Mag.a Dr.in., ist Leiterin der Abteilung Bildungswissenschaft an der Wirtschaftsuniversität Wien.
Elisabeth Rieser, Mag.a, Kultursoziologin; ist Projektassistentin bei agenda. Chancengleichheit in Arbeitswelt und Informationsgesellschaft.
Claudia Schreiner, Mag.a Dr.in, ist Leiterin des Bifie Zentrum Salzburg.
Thomas Alkemeyer,Univ.-Prof., Sportsoziologe, Universität Oldenburg.

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Studienverlag: Schulheft 142