Vorwort

„Lehrer fühlen sich von Erziehungsaufgaben überfordert und wünschen sich Unterstützung durch Sozialarbeiter.“ (Der Standard,
28. 11. 2008) Dieses Ergebnis einer österreichweiten Umfrage unter LehrerInnen aller Schultypen spiegelt die Stimmung
in vielen Schulen, aber auch in der öffentlichen Meinung wider. Wurde bisher die Lösung unbearbeiteter Probleme von Jugendlichen
den LehrerInnen und der Schule zugeschoben, erwartet man sich diese nun von der Sozialarbeit. Dabei bleibt das, was
unter Sozialarbeit verstanden wird, sehr vage. Das strafweise Zusammenkehren des Raucherareals am Schulhof wird ebenso
als „Sozialarbeit“ bezeichnet wie unqualifizierte Hilfsdienste in sozialen Einrichtungen. Nur wenige wissen genauer Bescheid,
was professionelle Sozialarbeit eigentlich ist, will und kann. Dieses schulheft soll deshalb zu einem klareren Bild der
Aufgaben, Ziele und Grenzen der Profession Sozialarbeit beitragen und ihren gesellschaftlichen Stellenwert deutlich machen.

Eine Grundlage dafür sind die Ergebnisse der Internationalen Bundestagung der SozialarbeiterInnen „Menschenwürde statt
Almosen“ (vgl. www.menschenwuerde.at), die vom Kärntner Berufsverband der SozialarbeiterInnen organisiert wurde und
eine Standortbestimmung in den einzelnen Handlungsfeldern der Sozialarbeit darstellte. Der größte Teil der Artikel dokumentiert
die Referate und Arbeitskreise dieser Tagung. Ergänzt werden diese um einige weitere Beiträge (Spitzer, Kaizar), die das
Augenmerk auf immer wichtiger werdende Arbeitsfelder der Sozialarbeit richten und den Blick auch über Österreichs Grenzen
öffnen (Stickelmann).

Eröffnet wird das Heft von zwei Grundsatzartikeln. Zu Beginn zeigt Peter Gstettner in seinem Referat „Die eingeschlossenen
Ausgeschlossenen“ die kritisch-emanzipatorische Aufgabe von Sozialarbeit und die besondere gesellschaftliche Verantwortung
von SozialarbeiterInnen auf.
Helmut Spitzer bemüht sich anschließend um eine Klärung der Begriffe „Sozialarbeit“ und
„Sozialpädagogik“, indem er die historische Entwicklung der Aufgabenfelder und Ausbildungsmöglichkeiten in
Österreich           herausarbeitet und Perspektiven für die weitere Entwicklung aufzeigt.

Die anschließenden Artikel wenden sich dann speziellen Handlungsfeldern der Sozialarbeit zu: Tanja Kaizar und Helmut
Spitzer dem alten Menschen, einem Bereich, der in zunehmendem Maß nicht nur in der medizinischen, sondern auch in
seiner sozialen Dimension von Bedeutung ist. Bernd Stickelmann wendet sich dem jungen Menschen im besonderen Umfeld
der Schule zu. In Deutschland gibt es Schulsozialarbeit schon seit über 20 Jahren, insofern fußt sein Beitrag auf reicher
Erfahrung, die für die langsam beginnenden Projekte in Österreich fruchtbringend ist.

Die beiden Beiträge von Peter Malina und Klaus Ottomeyer runden den theoretischen Teil ab, indem sie sich mit den gesellschaftlichen
Funktionen von Sozialarbeit befassen, mit der Funktion der Ausgrenzung, Kontrolle und Selektion, wie sie in der
„schwarzen Fürsorge“ des Nationalsozialismus praktiziert wurde (Malina), und mit der Funktion, die in enger Kooperation mit
der Pflege und der Psychotherapie für eine Sozialarbeit der Zukunft prägend sein soll, nämlich der Fürsorge für die gesellschaftlich
Abgehängten und Abgekoppelten (Ottomeyer).

Die praxisorientierten Artikel werden von Elisabeth Heidegger-Tölderer eröffnet, die zuerst die Methode des Forumtheaters
von Augusto Boal darstellt, welche dann an einem konkreten Beispiel illustriert wird: Jugendliche, die bei „Neustart“ als
KlientInnen betreut werden, spielen eine Szene aus ihrem Erfahrungshintergrund.

Das Konzept des Kärntner Berufsverbandes der SozialarbeiterInnen zur Schulsozialarbeit zeigt auf, wie Sozialarbeit
in der Schule konkret funktionieren könnte, welche Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen, um sie erfolgreich
durchführen zu können. Der Forderungskatalog der Arbeitskreise bei der Tagung „Menschenwürde statt Almosen“
schließlich macht deutlich, wo die organisatorischen, finanziellen und personellen Grenzen der Sozialarbeit derzeit liegen, die
es zu beseitigen gilt, wenn Sozialarbeit ihre gesellschaftlichen Aufgaben wirklich wahrnehmen können soll.

Im Rahmen der Bundestagung wurde auch ein mobiles Denkmal für die Opfer der Fürsorge im Nationalsozialismus enthüllt,das nun bei verschiedenen Veranstaltungen in ganz Österreich Anlass zur Reflexion über das eigene Berufsverständnis gibt.

Der  Kärntner Künstler Karl-Heinz Simonitsch beschreibt die Konzeption seiner Installation und Peter Gstettner stellt in seiner
Ansprache zur Enthüllung die Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten in einen größeren Zusammenhang, indem er
betont, dass „das Unheil in den Köpfen begann“. „In unseren Köpfen“ muss also ein richtiges Bild verantwortungsvoller
Sozialarbeit entstehen. Dazu bedarf es gemeinsamer Anstrengungen auf politischer, gesellschaftlicher, aber auch kultureller
Ebene. Nur wenn es uns gelingt, Sozialarbeit nicht auf eine Rolle der Feuerwehr bei Krisen in der Schule oder in anderen
Arbeitsbereichen zu reduzieren, sondern sie als Grundfunktion einer Gesellschaft zu verstehen, die die Menschenrechte
schützt und die Menschenwürde fördert, dann wird es auch möglich sein, sie im öffentlichen Bewusstsein so zu verankern,
dass sie die entsprechenden organisatorischen und finanziellen Rahmenbedingungen erhält, ihre Aufgabe professionell zu leisten.
Dieses schulheft soll ein Schritt in diese Richtung sein.


Gernot Haupt