Vorwort

Kinder mit Migrationshintergrund, damals noch „Gastarbeiter“-Kinder genannt, haben das schulheft von Anfang an beschäftigt
(zum ersten Mal explizit 1982 in der Nr. 26/27). Ein LehrerInnen-Magazin, das sich als gesellschaftskritisch versteht,
kommt um das Thema natürlich nicht herum, auch wenn es nicht immer offensichtlich und vordergründig darum geht.
Manchmal taucht das Thema leicht „versteckt“ auf: z.B. beim Teamteaching oder beim Förderunterricht usw. Explizit behandelt
wurde es das letzte Mal im Jahr 2004 anlässlich der großen „gastarbajteri“-Ausstellung in Wien (s. SH 114). Mit und in dieser
Ausstellung sahen wir ein neues Kapitel in der Migrationsgeschichte der Zweiten Republik aufgeschlagen. Zum ersten
Mal wurde diese Geschichte aus der Perspektive der MigrantInnen dargestellt.

Diesen Faden, diese neue Sichtweise, wollten wir in der vorliegenden Nummer wieder aufnehmen und – noch konsequenter!
– zu Ende führen, indem wir VertreterInnen der MigrantInnen einladen wollten, dieses schulheft ganz aus ihrer Sicht zu gestalten.
Hatten wir uns so gedacht! Wir mussten allerdings zur Kenntnis nehmen, dass unsere Intention zu wenig klar rüberkam – auf
jeden Fall konnten wir außer einer türkischen Hauptschullehrerin niemanden wirklich zur Mitarbeit motivieren. Wir begannen
Gründe dafür zu suchen und kamen langsam zu der Erkenntnis,  dass der Begriff „Migration“ zu allgemein und zu wenig präzise
ist. Die Lebenswelten von Menschen/LehrerInnen/WissenschafterInnen mit „Migrationshintergrund“ sind sehr vielfältig und
unterschiedlich … und haben oft genug nicht (mehr) unmittelbar mit Migration zu tun.

Trotzdem wollten wir den Anspruch nicht gleich aufgeben: Wir – als nicht-migrantische RedakteurInnen dieser Nummer –
können eigentlich über die migrantischen Lebenswelten nicht wirklich mitreden. Wir sind in der Position des oder der mehr
oder weniger empathisch Mitredenden, ohne selbst betroffen zu sein. (Eigentlich stellt das auch schon wieder eine „kolonisa6
torische“ Überheblichkeit dar: Natürlich sind wir auch betroffen, aber anders, andersrum! „Wir Österreicher“ sind die Nutznießer.)
Diese zwei Gedanken, die Erkenntnis der zu geringen Treffgenauigkeit des Begriffs „Migration“ und die Notwendigkeit,
den kolonisatorischen Blick systematisch durch die authentische Sichtweise der Betroffenen zu ersetzen oder zumindest zu ergänzen,
hat uns bewogen, den Focus auf eine einzige Gruppe zu richten: auf die Türkinnen und Türken. Als Wiener Pfl ichtschullehrerInnen
denken wir da gleich an Beobachtungen wie  jene, dass türkische Kinder der 2. oder 3. Generation schlechter Deutsch können als ihre
Eltern, oder dass sich Kinder vermehrt
als TürkInnen fühlen, obwohl sie das Heimatland der Großeltern kaum kennen. Wir wollten uns
also mit jener Gruppe beschäftigen,
die publizistisch den meisten Staub aufwirbelt und gerne als „Problemgruppe“ gesehen wird.

Wir wollten also ein türkisches schulheft, ein „OKUL DEFTERI“ machen. Wir wollen damit exemplarisch die Vielfalt einer „MigrantInnengruppe“
zeigen, die Widersprüche, die Brüche und Kontinuitäten, die Unterschiede zwischen den Geschlechtern, den Generationen, den Ethnien, Kulturen
und Sprachen usw.
Wir wollen den Schwerpunkt auf die Lebenswelten der MigrantInnen aus EINEM Land legen. Gleichzeitig ist es aber auch der
Versuch, anhand der Vielfalt der MigrantInnen EINES Staates darzustellen, welch fragwürdige Verallgemeinerung Bezeichnungen wie „die
Migranten“, „der Migrant“ oder „die Migrantin“ sind.
Schließlich haben wir uns dafür entschieden, dem Ganzen einen Titel zu geben, der erst wieder
die „Wir“-Perspektive repräsentiert:
Dazugehören oder nicht!? Dabei ist das Dazugehören (zur österreichischen Bevölkerung) oder nicht eine zentrale
Frage,
die sicher nicht von Personen mit türkischem Migrationshintergrund alleine abhängt!

Barbara Herzog-Punzenberger eröffnet daher unser schulheft mit der Fragestellung, welche Bedeutung das Dazugehören hat und wodurch es
behindert wird.

Sonja Hinsch liefert Zahlen zur Situation von Personen mit türkischem Migrationshintergrund und behandelt das Problem aus einer
sozioökonomischen Perspektive.

Michael Rittberger hat in der ‚Kronen Zeitung’ im Zeitraum von 1968 bis 2008 das Thema Migration recherchiert und ist auf eine Verknüpfung
vom dargestellten Bild der MigrantInnen mit
der Ökonomie gestoßen.

Im Artikel „Ich bin MuslimIn!“ setzt sich Sonja Hinsch mit Bewältigungsstrategien muslimischer Jugendlicher gegen Vorurteile über die Herkunftsethnie
oder die Religion auseinander.
Diese stehen auch im Kontext einer inhaltlich veränderten religiösen und ethnischen Identität der Jugendlichen.

Gamze Ongan zeigt auf, dass das in den Medien gerne aufgegriffene Thema „Zwangsheirat“, im Unterschied zu ökonomischen Problemen, in
den Beratungsstellen eine geringe Rolle
spielt.

Katharina Brizić befasst sich mit dem Erwerb der deutschen Sprache von Migrantenkindern und zeigt, dass der Sprachwechsel der (Groß)Eltern,
z.B. von Kurdisch auf Türkisch, einen fundamentalen
Einfluss hat.

In einem Interview geht Bernhard Perchinig kritisch auf die sogenannte „Integrationsvereinbarung“, den Wiener „Bildungspass“, auf „europäische
Grundwerte“ und die fragwürdige Konstruktion
von „uns“ und „Anderen“ ein.

Hülya Hanci und Andrea Partsch stellen ein Projekt zur Förderung der Muttersprachen an einer Wiener kooperativen Mittelschule vor.

Barbara Falkinger und Michael Rittberger führten ein Interview über das Nachhilfeinstitut „Phönix“.

Michael Sertl berichtet über Studierende mit Migrationshintergrund an der PH Wien. Kann man sie als Beispiele für „erfolgreiche Integration“ sehen?

Renée Winter führt eine Diskussion über die bildliche Darstellung von Migration, im Rahmen des Projektes „Viel Glück! Migration heute –
Perspektiven aus Wien, Belgrad, Zagreb und Istanbul“.

Sevgi Bardakci hat Texte türkischer Jugendlicher gesammelt, die sich Gedanken zu verschiedenen Themen des Zusammenlebens in einer
multikulturellen Gesellschaft machen. Diese sind
auf Deutsch und Türkisch abgedruckt.

Gerhard Petersdorfer hat sich dem Thema Migration und Macht graphisch genähert.

Dazugehören oder nicht!? – bildet die Klammer der Texte der vorliegenden Nummer und kann auch als Kritik an gängigen Definitionen von
Integration betrachtet werden, bei denen vordergründig
ein einseitiger und nicht ein wechselseitiger Prozess in der Annäherung von Minderheiten
und Mehrheiten beschrieben
wird. Die Diskussion darüber muss geführt werden, um nicht in der Vorurteilsschleife hängen zu bleiben und um nicht
die sozial Schwachen – die Menschen am Rand der Gesellschaft – gegenseitig auszuspielen.

Dazugehören oder nicht!? – Wie lange muss man/frau sich als MigrantIn, Türke oder Türkin bezeichnen? Ab wann darf er/sie sich als ÖsterreicherIn
fühlen und bezeichnen? Ist die Diskussion nicht
oft kontraproduktiv und ausschließend, wenn mit den Begriffen „MigrantIn, TürkIn“Menschen bezeichnet
werden, die sich nicht
ausschließen sollten, aber sich niemals als dazugehörig fühlen dürfen? Die Antwort und eine neue Begriffl ichkeit bleibt auch die
Redaktion schuldig, nicht aber den Anstoß zum Weiterdenken….


Barbara Falkinger
Michael Rittberger